Florentin konnte sich des Lächelns nicht erwehren beim nähern Anblick dieses bunten Getümmels — es war ihm die größte Maskerade, welche er je erlebt hatte, wenigstens einer Maskerade nicht ungleich.
Greise und Kinder, Männer und Weiber, Hohe und Niedre, Arme und Reiche tummelten sich freundlich durch einander. Jeder prangte, (so brachte es die Ordnung des Festes mit sich) mit dem besten Theil seiner Garderobe; alles erhielt dadurch einen glänzenden Anstrich von Wohlhabenheit und Feierlichkeit, und der Contrast des Reichthums und der Armuth ungemein viel Auffallendes.
Aber alles dies war das Unbedeutendste in der ganzen Erscheinung; nein die sonderbare Verbindung der Wandelnden machte das Schauspiel einer Maskerade ähnlich. Hier führte ein biedrer Handwerksbursch eine stattlich geschmückte Dame; dort führte ein junges, blühndes Mädchen einen alten, blinden Mann. Drüben schlenderte Hand in Hand ein christlicher Prediger mit einem jüdischen Lehrer; ein kraftvoller, schöner Jüngling stüzte dort einen schwachen, halbgenesenen Kranken.
„Wo bin ich?“ rief Florentin lachend.
„Unter Menschen!“ entgegnete Josselin.
„Wohin solls gehn?“
„Wohin Du willst. Hinaus zur Stadt, ins Feld, in die Gärten. Allenthalben wirst Du Gesellschaft finden. Aber izt wollen wir uns den Gesetzen dieses schönen Tages unterwerfen: wir müssen uns trennen. Bekannte und Freunde dürfen heut nicht beisammen bleiben, Familien dürfen nicht an einanderhalten, sondern müssen sich unter die Fremden zerstreuen, sich den Unbekannten nähern, Freundschaften stiften und Bekanntschaften; Freude verbreiten, wo sie können; die Armen freigebig bewirthen; Krüppel, Lahme und Blinde das Ungemach ihres traurigen Geschicks vergessen machen.“ —
„Träumst Du, oder träum’ ich?“
„Keiner von uns. Ich verspreche Dir viel Vergnügen; wer ein reines Herz und einen gesunden Menschenverstand zu diesem Feste bringt, kann hier nicht anders denn glücklich seyn. Denke doch nicht ewig an die grauen, läppischen Thorheiten Deines Jahrhunderts, wo man sichs nicht einbilden konnte, daß die Menschen, wie Brüder und Schwestern, wie Glieder einer und derselben Familie unter einander zu wohnen im Stande wären. Siehe hier ist der allgemeine Pickenick, wo jeder sein freiwilliges Contingent zur Freude des Ganzen liefert, hier sind die Agapen des ersten Christenthumes wieder, wo der Reiche dem Armen seine Noth, der Frohe dem Weinenden die Thränen vergessen macht; hier ist wahre Polizirung des Volks und eben darum natürliche Einfalt, Wegwerfung des künstlichen und natürlichen Unterschiedes — denn die lezte Sprosse auf der Leiter der Menschencultur ist wieder Natur. — Geh hin, und werde froh, indem Du andre fröhlich machst. Heut Abend, oder morgen früh finden wir uns wieder zusammen.“
Mit einem herzlichen Kusse entfernte sich Josselin, und ergriff die Hand eines vorübergehnden Bürgers, welcher sich so freundlich mit ihm unterhielt, als hätt’ er einen alten Bekannten wiedergefunden.