„Natürlich. Denn wenn sich die bravsten Bürger als Leichname verbrennen lassen: so ist der Scheiterhaufen für die Missethäter weder Strafe noch Schande.“
„Sonderbarer Mensch, Du wirst doch nicht glauben, daß man in unsern Tagen noch lebendige Menschen „von Gottes- und Rechtswegen“ verbrenne? Aus der Barbarei sind wir endlich heraus. — Und überdem, war der Scheiterhaufen wohl noch für den todten Verbrecher eine Strafe, oder für ihn eine Schande? — Doch, ich will Dirs auch angeben, wie die Asche der Verstorbnen noch einen, wiewohl immer nur zufälligen, moralischen Nutzen stiften könne.“
„Welches Kind liebt nicht seine Eltern? ich führe dies Beispiel an, weil es mir das rührendste und ehrwürdigste ist. Kann nach dem Tode eines zärtlichgeliebten Vaters der Sohn wohl ein köstlicheres Denkmal von ihm übrig behalten, als den Staub des Leibes, welcher ihn zeugte, und in dessen Bezirk einst ein wohlthätiger menschenfreundlicher Geist wohnte?“
„Wir haben Erfahrungen, daß der Anblick der väterlichen Asche verführte Jünglinge von ihren Irrwegen zurückgebracht habe; wir haben Erfahrungen, daß manches Mädchen ihre Unschuld gerettet hat, wenn die Stauburne ihrer Mutter und das Bild der Vergänglichkeit sie zu ernstern Vorstellungen necessitirte. — Die Vasen, welche Du fast in allen Wohnungen, mit Blumen bestreut, unter den Spiegeln findest, sind mehrentheils heilige Todtenurnen; Kann man einen bessern Prediger wider die Eitelkeit, einen beredsamern Ermahner zur Tugend dahinstellen, wohin jeden Morgen Jünglinge und Mädchen eilen?“
„Von dem Eindruck eines solchen Gegenstandes überzeugt, werden in den Gerichtshöfen die Todtenurnen auch beim Eide gebraucht. Der Sohn muß über der Asche seines Vaters schwören, der Bruder über der Asche seiner Schwester, die Gattin über den Staub ihres Geliebten, oder ihrer Kinder u. s. f. — Der muß ein verstockter, arger Bösewicht seyn, welcher ohne Gefühl die Asche seiner Lieblinge zum Spiel seiner Meineide macht!“ —
Zehntes Kapitel.
Die Fußtapfen der schwarzen Brüder.
Wie konnte Florentin müde werden, immer weiter zu fragen und zu forschen unter den Bürgern dieses Jahrhunderts? — Schon einmal, nun von einem günstigen Vorurtheil bestochen, sah er allenthalben das Gute nur und drückte gefällig das Auge zu, wenn er den Scenen des menschlichen Elendes begegnete. — Ihm wars, als wandelt’ er auf einer neuen Erde, als wölbte sich über ihn ein neuer Himmel.
Unter allem was er sah und hörte, intressirte ihn bald nichts mehr so sehr, als die Religion dieses Zeitalters. Ueberzeugt vom wechselseitigen Einfluß religiöser Meinungen auf den Charakter des Volks, und des Charakters auf die Meinungen, vertraut mit dem Geiste des Christenthums, der Geschichte und den mannigfaltigen Verwandlungen desselben, beschloß er auch hier, einen unermüdeten Forscher abzugeben. —
„Wird Jesus Christus noch verehrt in Euern Tempeln?“ — fragte er eines Tages seinen Freund und Gefährten.
„Es ist wahr, wir haben auch noch nicht einmal die Kirchen besucht;“ antwortete dieser: „Ich verwechsle noch immer mein Interesse mit dem Deinigen. Er wird verehrt!“