„Die Illustration der Christen durch die Taufe und die schöne Feier des Abendmahls sind allein noch üblich.“

„Desto ehrenvoller für Euch. Ceremonien und Symbole sind zur Unterstützung der sinnlichen Menschheit, ein Leitband für die noch schwache Vernunft, nothwendig in der Kindheit, überflüssig und wohl belästigend im reifern Alter des menschlichen Geistes. Ihr seid des Gängelbandes nicht mehr bedürftig, aber für die Christen des achtzehnten Jahrhunderts war es durchaus nothwendig. — Nichts fiel mir in Euern Tempel von den Zuhörern mehr auf, als daß ich unter ihnen keine Kinder entdeckte. Sind diese vom öffentlichen Gottesdienst ausgeschlossen, oder war ihre sämmtliche Abwesenheit ein Zufall?“

„Nichts weniger, denn Zufall. Wen ich mich recht erinnre: so ward einmal eine Preisfrage über die Ursachen am Verfall des öffentlichen Gottesdienstes gegeben. Sonderbar stimmten ohne Ausnahme alle Antworten auch darin überein, daß ein zu früher, gezwungner Besuch der Kirche in den Kinderjahren einen gewissen Widerwillen, eine schädliche Gleichgültigkeit gegen den öffentlichen Gottesdienst erzeuge. — Seit dieser Zeit wurden die Kinder allmählig, bis zu ihrem reifern Alter, ausgeschlossen.“

„Das gefällt mit nicht ganz. Ich fürchte, daß auch diese Sitte die Liebe und Achtung für den Gottesdienst schwäche.“

„Gewiß nicht. Die Erfahrung überzeugt uns vom Gegentheil. Eltern und Erzieher reden nur in den ehrfurchtsvollsten Ausdrücken von der öffentlichen Gottesverehrung, und flössen dadurch ihren Zöglingen eine gleiche Ehrfurcht ein, welche theils durch die Neugier und das Verlangen, endlich in das Allerheiligste eintreten zu dürfen, theils durch einen gewissen Stolz, nun dem feierlichen Schritte näher zu seyn, vergrößert wird. — Der Tag, an welchem der junge Christ zum erstenmal am Genuß des Abendmahls Theil nimmt, ist der erste Tag, an welchem er dem öffentlichen Gottesdienst beiwohnt. Eingeweiht mit den Thränen seiner Eltern, eingesegnet von seinen Lehrern, umringt von einer andachtsvollen Menge, welche einstimmig singt und betet, einmüthig höret und lernet, wird ihm dieser Tag einer der rührendsten und feierlichsten seinen Lebens. Er erinnert sich seiner nie ohne ein Wiedererwachen aller damaligen Empfindungen; er erneuert dieses Fest, so oft neue Mitglieder in die Versammlung eingeweiht werden. Er prägt seinen Kindern nachmals eben dieselben Vorstellungen ein und spannt ihr Verlangen zur Gemeinschaft und Theilnahme an der feierlichen Verehrung Gottes.“

„Ich selbst“ fuhr Josselin fort: „bin jenes heiligen Tages noch immer nicht ohne Rührung eingedenk; unauslöschlich währen jene Eindrücke in mir fort, welche damals das Ungewöhnliche erzeugte. — Und wie läßt es sich auch wohl denken, daß Kinder, welche gequält von heimlicher Langeweile, vielleicht wohl umringt von plaudernden, lachenden oder schlafenden Gefährten, Achtung und Liebe für den öffentlichen Gottesdienst erhalten sollten? Man hat Gelegenheit, hin und wieder, besonders in den lutherischen und den weiland auch sogenannten reformirten Kirchen lehrreiche Bemerkungen über diesen leztern Punkt zu machen.“

Duur wollte nicht widerstreiten, denn im Gebiet der Erfahrung ist nur die Erfahrung Schiedsrichterin; er erkundigte sich statt dessen mit brennender Neugier nach dem Lehrbegriff der Christen.

„Die Religion,“ sezte Duur hinzu: „ist wirklich für das menschliche Gemüth alles das, und mehr, als Gold und Lorbeerkränze nur jemals für die Sinnlichkeit seyn und werden können. Der heisse Trieb zum Leben, das unvergängliche, mit jedem Jahre anwachsende Verlangen unsterblich fortzudauern nach der Todesstunde; das falsche quälende Verhältniß, in welcher oft auf Erden die Tugend und das irrdische Wohlseyn stehn; die nie gerächten Thränen der Unschuld, die ungestraften, glänzenden Triumpfe der Bosheit, — alles treibet hin zum Glauben an die hohen Lehren von Gottheit, Ewigkeit, Vergeltung, — zur Umarmung einer Religion.“

„Und doch, was hat nicht oft den schönen Namen tragen müssen? der Pfaffen schlauer Witz, der Laien blinde Thorheit hieß oft Jahrhunderte hinab Religion. — Wie viele tausend glückliche Erdensöhne bluteten ihr Leben aus für ihre Religion? Wo sind noch Foltern, Todesmartern, die nicht für die Religion von Pfaffen in Requisition gesezt sind?“

Josselin hörte ihm lächelnd zu: „Wie, Mann des philosophischen Jahrhunderts, sprichst Du von Deiner Zeit?“