„Nein und Ja!“ antwortete Florentin: „Wenn selbst in protestantischen Staaten die freien Protestanten nicht von neuen in die alten Ketten der Symbole geschlagen, Inquisitionen und ew’ge Kerker, Scheiterhaufen und dergleichen eingeführt, und das Volk in seine halbverlassne Finsterniß zurückgetrieben wurde, so lag die Schuld wahrhaftig nicht am Willen der Pfaffen. Versuche sind gemacht, ob sie gelungen sind — — —“
„Wie kannst Du dieses fürchten?“ fiel Josselin ihm ins Wort: „Der Gang der Menschheit zur Vollendung ist nicht Plan, nicht freie Ausführung von Menschen selber, sondern Nothwendigkeit, Vollstreckung eines dunkeln Plans, den eine höhere Hand entwarf. Der Menschheit Gang ist Wogenbruch durch neue Ufer; mag sich hie und da doch immerhin ein Strauch, ein Baum dem Laufe widerstämmen, er hindert nichts, er macht den Strom, wenns viel ist, etwas lauter.“
„Du fragst mich nach dem Lehrbegrif der Christen? Ein fester Lehrbegrif ist hier nicht geltend. Ein jeder glaubt und meint uneingeschränkt, was nach der Disposition und Stärke oder Schwäche seines Geistes ihm das beste scheint. Glaubensformen gelten nicht mehr, denn endlich hat die Welt gelernt, daß über Glaubenssachen kein fremder Spruch entscheidend gilt, und daß der Zepter eines Herrn der halben Welt sich auch nicht über das unbedeutendste Produkt im Geisterreich erstreckt.“
„Allein ich sollte glauben, die Christen würden doch gewisse Lehren unter sich gemeinschaftlich hegen, wodurch sie sich von andern Sekten trennen.“
„Nun ja, die haben sie. Sie glauben einen Gott, der unaussprechlich, unbeschreiblich ist, das höchste Ideal der reinsten Sittlichkeit, der sich nur matt im Wesen der Vernunft und in den Wundern der Natur nach eingen Eigenschaften offenbart. Sie nennen ihn den Weltgeist, der Dinge Urkraft; in ihm leben, weben und sind wir.“
„Die Menschheit weiter in des Lebens grosser Schule zu führen, sandt’ er Lehrer, welche unter glücklichen Verhältnissen von ihm und unsern Pflichten predigten. Der Erste, Einzige und Unnachahmliche ist Jesus Christus. — Nur was er lehrte ist den Christen heilig; sie sehen nur auf ihn, als ihren Führer, sie glauben seinen Worten nur. Was andre von ihm zu andern, unter anderen Convenienzen in anderen Verbindungen predigten, das entkleiden sie vom Ausserwesentlichen, welches die Verhältnisse liehen. — Vernunft und Christenthum, Vernunft und Glauben haben unter sich die alte Zwietracht aufgehoben. Wer die Vernunft verehrt, ist heut zu Tag ein Christ, wer Christ seyn will, huldigt die Vernunft.“
„Auch hier ein großer Schritt zur allgemeinen Seligkeit, zur wahren Menschenwürde!“
„Beinah ist die Religion in unsern Tagen, was sie seyn soll — werden kann. Im Ganzen fühlt die menschliche Gesellschaft sich in ihrem Schutze sicher und getröstet. Wir haben wenigstens so viel gewonnen, daß kein blutiger Partheigeist, keine Proselytenmacherei, kein Verdammen, kein Verketzern unter uns mehr gilt. — Uebrigens haben wir noch immer Narren, Schwärmer, Seher unter uns; allein die meisten wandern endlich den Weg ins Irrenhaus. Es kränkeln freilich auch noch izt so manche Pfaffen, vom Egoismus verführt, und von den Begebenheiten der Vorwelt aufgehezt, am Hierarchenfieber; doch ihre Pfeile, auf das Herz der Menschheit gerichtet, fallen kraftlos an der vorgestreckten Aegide der Vernunft zurück.“
Josselin schwieg. Duur pries die Menschen dieser Tage glücklich, und jammerte bei der Erinnrung an die traurige Vorwelt.