„Verstorben sind für uns alle Freunde, alle Bekannte der ehmaligen Welt; zerrissen sind alle seeligen und unseeligen Verhältnisse, worin Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz, Eitelkeit, Nervenkützel und Ohngefähr uns versponnen; es hängt von uns ab, andre einzufädeln!“
„Und so werd’ ich Louisen nicht wiedersehn? keine Spur von den Ruinen meines väterlichen Schlosses mehr finden? — Fünfhundert Jahre schlummerte nun sanft die Asche meines Onkels, meiner guten Schwester? Ich werde nicht mehr Rikchens Grab entdecken; von Louisens Schönheit nicht mehr reden und Herzog Adolfs Lob nicht mehr singen hören?“
„Es ist nun alles vorüber, Florentin, alles. Du bist der Bürger einer fremden Erde. Der Strom der Zeit, der über uns hinwegrauschte, hat allen meinen Kummer fortgespült, aber Dir scheint er Deine Schwärmerei gelassen zu haben.“
„Ich bin ruhig, Holder, sehr ruhig. Vielleicht geht in dieser neuen Welt der Stern meines Glückes ungetrübter auf. Ich will Dir dann mit Thränen danken.“ —
„Nun vorwärts!“
„Glück zu!“ murmelte Florentin und zog seinen Sohn mit heimlichem Grauen näher an sich.
Schon dämmerte es durch die Felsengänge von der Oberwelt herunter; schon athmeten die unterirrdischen Pilger eine andre Luftart; schon hörten sie aus der Ferne das süße Zwitschern der Bergschwalben und das Herz verdoppelte seine Schläge in allen.
Nach langem Tappen und Schleichen gewannen sie der Grotte Ausgang — — das helle Tageslicht strömte ihnen entgegen — — — entgegen scholl ihnen der Vögel liebliche Melodei aus dem drei und zwanzigsten Jahrhundert; entgegen ihnen der Eichenzweiche Lispeln im Morgenhauche. Schwelgend hing ihr Blick am grünen Teppich des Erdbodens, schwelgend an den Gruppen der leichten Gebüsche und Felsen, schimmernd in Aurorens Herrlichkeit — — — Alles, alles war den Bürgern dieser Welt neu, und und alles, alles so schön!
„Elysium!“ schrie Florentin, übermannt von unaussprechlicher Seeligkeit, hintaumelnd in das hohe duftige Gras, und abküssend den Thau vom zitternden Halme.
„Elysium!“ jauchzte Holder und sank auf seine Knieen, und der Mann weinte, wie ein Kind, der sonst von keiner Thräne zu sagen wuste. Gefaltet streckte er seine Hände gen Himmel; sein Blick, seine Miene, sein Seufzer, seine Thräne war Gebet — heisses, glühndes Gebet zum ewiglebenden, ewigsorgenden Schöpfer des Schönen und Guten.