„Aber, so — in dieser Stimmung lass’ ich Sie nicht von mir! Sie müssen wieder heitrer werden. Sehn Sie mich an — lächeln Sie einmal! — Nein, so mit dem starren Blick, mit der finstern Stirn sind Sie gar nicht hübsch. — Weg mit den Falten hier!“ —

„O Imada, Ihre Freundlichkeit ist grausam!“

„Warum lernten wir uns nicht früher kennen?“

„O warum mußten wir uns jemals kennen lernen?“

Ein neues Stillschweigen trat ein. Imada schien mit Wehmuth und heimlichem Vergnügen den Kummer des Unglücklichen in seinem Gesicht zu studiren.

Mit heimlichen Vergnügen? Nun warum nicht? Welcher Feldherr zählt nicht mit Vergnügen auf dem gewonnenem Schlachtfelde die Leichen seiner Feinde, sieht nicht mit heimlicher Wollust vor sich auflodern die feindlichen Städte unter den wirksamen Feuerkugeln, — und doch mag ihm das Herz bluten. — Welches Mädchen, welches Weib sieht nicht mit Lust auf die verheerenden Siege, welches seine Schönheit erwirbt, selbst dann, wann es die Siege nicht geniessen darf. Denn Weibern ist es genug, gesiegt zu haben; die liebe Eitelkeit ist mit dem Opfer zufrieden und der Stolz fodert nicht mehr noch.

Ich sehe — meine Leserinnen — Sie werden böse; ich lese den Wunsch in Ihrer Seele, daß Sie mich wohl mit eben den Waffen strafen möchten, die ich izt schalt. — Aber wahrhaftig, ich hätte diesen gelegentlichen Ausfall nicht gewagt, wenn ich vor Ihnen Allen nicht viel zu sicher wäre. — Ein Greis, der beinah siebzig Jahre zählt, und des Morgens sein Haupthaar, ohne Puder, weisser, als das Haar manches Stutzers, findet — der fürchtet sich nicht mehr vor schönen Augen, den locken nicht mehr blühnde Wangen, den führt kein stürmischer Busen irre. — Welche Rache wollen Sie nun an mir nehmen?

Es ist nicht artig, sagen die Kunstrichter, wenn ein Erzähler mitten im Text abbricht, und mit seinen Lesern von sich und ihnen spricht. Es ist eben so wenig fein, als wenn ein Prediger mitten in seinem Eifer wider die eitle Lust der Welt seinen Kragen in Ordnung zupft und den Locken eine bessre Richtung giebt.

Also still!

Unterdessen, daß wir hier mit einander schwazten, hatten Florentin und Imada ebenfalls nicht geschwiegen. Inzwischen was sie gesprochen haben, weiß ich wirklich nicht; nur izt, da wir sie wieder ansehn und anhören wollen, finden wir sie nicht mehr in der vorigen Lage, auf dem moosigten Erdboden sitzen, sondern sie stehn — und das sonderbarste ist, sie stehn so, wie ich ebenfalls in meinen jüngern Jahren oft gestanden habe, und mancher meiner Leser vielleicht in diesem Moment um alles in der Welt gern stehen möchte. — Nämlich? — Arm in Arm verschlungen, Aug in Auge gesenkt, Mund an Mund gepreßt — das heißt mit einem Worte: küssend. —