Die Gemächer der Meditation hatten weder Schloß noch Riegel.

Hoher Mittag. Nach seinem solitären indischen Lunch schritt Horus durch die Bibliothek. Der mannigfache Raum ging über in Terrassen aus durchscheinendem Onyx. Auf ihnen breitete Weiches sich rundum hin — vor Luft und Meer — bereit, ein Buch im Niedergleiten aufzufangen, denn: der diesen Raum ersonnen, hatte wohl gewußt: im Freien liest man nicht, man hebt ein Schönes aus dem Buch und träumt ihm nach, bis es im Blauen groß wird und zergeht.

Luftmüde kehrte er in den Zentralraum zurück, der von Büchern ganz umgrenzt war. Schräg floß aus hochgelegenem breiten Fenster das Goldne nieder; ließ die gestuften Tafeln der ungeheuren Mahagonitische aufduften wie Tiefland. Es leuchtete von Geist und Stille. Ihn aber zog es zu ganz beschatteter Versunkenheit. Aus dem Niedren tat es sich auf wie Grotten: taube Alkoven, wo tief in Pfühlen die Körper ausgelöscht sind und die Gedanken sich befruchten, indes ein klar und zartes Licht als Hochzeitsfackel leuchtet.

Ein kultivierter Europäer hätte gar bald in dieser erlesenen Bibliothek etwas höchst Sonderbares entdeckt und in wachsender Betroffenheit die hartnäckige, ja manische Konsequenz seiner Durchführung bestaunt. Lückenlos stand als seelisches Riesenwerk das Ethos Asiens da. Wie es, hochaufgerichtet in den lebendigen Körpern seiner Rassen, noch in die Gebärde seines letzten ärmsten Sohnes ein Unbeschreibliches an weiser Anmut gießt.

Da waren die Veden, Upanishaden, Bhagavad-Gita, Gajatri und Upnekhad. Auch die Sutras mit dem Kama-Sutra. Die sieben großen Philosophensysteme Indiens, gekrönt mit dem Vedanta, verströmend im Buddhismus. Chinas Religion des „guten Bürgers“: das Wu-king Con-fu-tses. Lao-Tsu, das Buch vom quellenden Urgrund, die unvergleichliche chinesische Lyrik. Überdies fast der gesamte Formen- und Geistesinhalt Ägyptens, Kretas, Babylons, Persiens.

Auch Europas?

Hier begann das Sonderbare. Während die Großen im Reich der Naturwissenschaften in Originalen und einer Vollständigkeit, die jener des Britischen Museums wenig nachgab, vertreten waren; während Neues und Neuestes unaufhörlich in Fachschriften zuströmte, enthielt dieser offenbar tiefdurchdachte Geisterbau keine Zeile, aus der auf Geschichte, Religion, soziale Zustände Europas hätte geschlossen werden können: auf Sexualbräuche, Sitten, Jus. Die Unnaturwissenschaften fehlten gänzlich.

Die Existenz des Christentums war ignoriert und aus den großen Philosophen jene Teile ausgeschieden, die es — wenn auch in antithetischer Form — streiften. Auch das meiste aus den Werken der Dichter entfiel: Faust, die historische Mordfolge Shakespeares; nur wo Oberon Herrscher, Ariel Diener, Böhmen eine Insel war, das blieb. Es blieben auch Schillers ästhetische Schriften, Lessings Laokoon, denn hier wurde Zeitlich-Gegenständliches durch divine Behandlung aus passagerer Umwelt ins Durchscheinend-Verklärte gehoben.

Auch das Süßeste des Minnesanges blieb, als dem Weltwesen der Liebe zugehörig. Außer Globen, Stern- und Weltatlanten gab es auch Spezialkarten Europas: Geographie, geologischen Aufbau, Städte, Kanal- und Eisenbahnnetz erläuternd. Da aber jegliche Historie fehlte, konnten die abgegrenzten Flecke: England, Deutschland, Frankreich, Spanien, ebensogut die vereinigten Republiken von Europa, die Provinzen des Großmoguls der Schweiz: Fürsprech Brüstli, als den Aktienbesitz eines Wallstreettrusts bedeuten.

In die Bibliothek mündete der Orgelsaal, mit Flügel und Streichinstrumenten, enthielt auch die Musikliteratur, mit Ausnahme jener Opernauszüge, deren Text in die geächtete Zone ragte.