Bildhafte Darstellungen hörten mit dem Ägyptisch-Griechischen auf. Auch in der Baukunst. Das Letzte: der Parthenon. Aus sämtlichen europäischen Büchern waren die Porträts ihrer Verfasser sorgfältig entfernt.

Erwuchs hier ein begabtes junges Wesen, so war ihm eine Umwelt bereitet aus europäischer Wissenschaft, Technik und Musik, Asiens mystischem Ethos und allen freien, daher gepflegten Liebesformen des Gesamtorients als Morgengabe.

Tief in seinen Bücherschluf geschmiegt, rosenquarzgedämpftes Licht zu Häupten, griff Horus nach einem Band Pascal. Er war seltsam erregt heute. Alle Nerven lagen wehend wie in einem flüssigen Medium, das hinstrebte nach zwei Polen: dem Traum und dem Rhajputen. Wollte sich sammeln, beruhigen, oder falls das mißlang, die Erregung, wie oft schon, zu einem Stachel machen, ihn ins Geistige zu treiben — dorthin, wo die großen Zusammenhänge waren in dieser ganzen rätselhaften Raum-Zeit-Welt, zu denen ihn seit früher Kindheit heilige Gier immer wieder unter Schauern trieb.

Erinnerte sich dabei eines Ausspruchs, den Erasmus unlängst halb im Scherz getan:

„Die meisten Menschen bleiben dumm, weil sie feig, nicht weil sie unintelligent sind; es fehlt ihnen einfach der Mut, so lange zu denken, bis es weh tut! Doch dort kommen erst die Einblicke und Ausblicke.“

Seine Jugend war der Räude des Alltags fast ganz entrückt.

All den elenden Köterleiden, die in den schmierigen Augenblick herabzerren von einer Spanne zur andern. So blieb seine Seele feinhäutig und wach für die fruchtbare Qual der großen Fragen aller Kreatur, die ins Ewige ziehen. Denn nur zwei Wege tiefster Erschütterung gibt es, auf daß der Mensch außer sich gerate und über sich hinaus: den Weg der Qual und den Weg der Freude. Qual aber ist, je nach der sensitiven Stufe des Gequälten: für einen Heloten auch hundert Peitschenhiebe am eigenen Leib noch kaum, — für Gotama Buddha war schon ferne Ahnung, daß es auf Erden etwas wie Alter und Siechtum gäbe, Leids genug und erschütterte ihn in die Vollendung hinein.

Horus hatte längst — nicht nur aus van Roys Worten — auch traumhaft erahnt: „das Wesen aller Dinge sei die Zahl.“

Wenn dann aus dem dreifachen Reich der Natur das Mannigfaltige hervorbrach, ihm die Sinne sprengen wollte, trat er zurück in die reinen Raumgebilde des Geistes: Schemata alles Erschaffenen und alles Erschaffbaren. Vor denen — wie ihn gelehrt worden war — der pauvre Klumpen dieses Kosmos ganz ohne Importanz wird, versinkt, sind sie doch tiefer und weiter als er. Denn die Gesetze der Mathematik gelten für jede mögliche Natur, für alle physikalischen Universen, die Riemann sämtlich vorausberechnet hat, und von denen das Eine — Unsre, nichts als ein Spezialfall ist. Nicht aber gelten die Gesetze der Physik für Gegenden der Mathematik, denn: wo immer in der Natur eine bestimmte Zahl erscheint, gleichsam als Ursaite angeschlagen wird, da muß auch der gleiche Ton erklingen, muß gleiche Farbe, Gestalt und chemisches Geschehen sie begleiten. Die Zahlen und ihre Beziehungen sind Traversen der Welt, jenseits der Erscheinungen; wer in ihnen, ist in geheimnisvoller Weise auch im Baumeister aller Welten. Und van Roys Worte kamen ihm wieder:

„Was sind die kindischen und kläglichen Wunder aller Religionen, verglichen mit dem einen mathematischen Wunder der „harmonischen Teilung“, in Geometrie und Natur: dies Zueinanderstehen von Zahlen, aus dem die Proportionen der Musik und die Kegelschnitte sich gleicherweise erzeugen. — Das geisterhafte Schema, nach dem die Welt klingt und die Gestirne sich bewegen.“