„Wo sonst ist ein Erahnen so herzerschütternd großartig für das Hereinragen eines Außerweltlichen — geheimnisvoll Ordnenden. Wer da innen ist, durch den gehen die Fäden der erschaffenden Gesetze, der hängt gleichsam im ewigen Fadenkreuz und rührt an Grenzen des Unzerstörbaren.“

Da war es dem Knaben Horus oft, als ob ganz große Gedanken, die im Unvergänglichen dahinwehen, außen am Rand seines Erfassens vorüberstrichen, knapp an der dunklen Monade vorbei. Nur ein Weniges noch an sehnender Kraft, und er müsse ihrer mächtig werden, sie hereinziehen in das passagere Ich. Doch dies Vorüberstreichen schon rührte mit einem klar und magischen Glück an sein großpochendes Herz.

Daß er gerade heute Pascal zur Hand genommen? Vielleicht um des Wunders willen, daß dieser — ein Kind von sechs Jahren — mit einem Stäbchen im Sande spielend, die ganze Euklidische Geometrie aus sich entwickelt hatte. Mit winziger Kinderfaust dies Wissen von zwei Jahrtausenden erspielte, wie andre Steinchen halten. Horus schlug jene weltberühmte Abhandlung auf, von dem Halbwüchsigen — kaum älter, als er selbst jetzt war — der Akademie von Paris überreicht. Und er begann zu lesen:

„Über die Kegelschnitte“.

Doch die leuchtende Geometrie, der ätherische Glanzraum Pascals, schien ihm heute in eisige Phantastik seherhaft entrückt. Wo war in dieser Kristallwelt Durchdringung mit dem Warmen, das in ihm schlug: ein Vogelherz in harter Hand? Er ließ den Band sinken, blickte auf. Am andern Ende des Raumes war eine einfache Gestalt. Unnachahmliche Bescheidenheit lag als stiller Ring um sie.

Ein irgend Etwas an Haupt und Haltung ließ Horus fühlen, er störe nicht. Sei erwartet und willkommen. Drüben dann, in den weiten easy-chair hineingeschmiegt neben den alten Freund, erkannte er, daß dieser nicht, wie er zuerst geglaubt, ein Buch, sondern ein aufgeschlagenes Manuskript in den Händen hielt. Und Horus las:

„Die Hyperbel hat mir von jeher etwas Gespenstiges gehabt, ohne daß ich mir einen Grund davon anzugeben wußte. Ich fand ihn indes nachher in einer symbolischen Beziehung, die sich ihr unterlegen läßt, und ich bin überzeugt, daß alle, die sich unterlegen lassen, in dem ähnlichen Charakter zusammentreffen. Man muß sie aber gleich in bezug auf die übrigen Linien betrachten.

Der Kreis symbolisiert mir die Eigenliebe: den Egoismus.

Die Ellipse das Ideal der Liebesfreundschaft.

Die Parabel das der Liebe gegen das Unendliche, Göttliche.