Er fühlte: eine stilisierte Sehstörung in Brillanten an einer byzantinischen Nabelschnur. Wie kann man etwas für jedes halbwegs gesunde Empfinden so Beschämendes, wie einen Defekt am edelsten Sinn: dem Auge, noch durch Edelmetalle und Steine unterstreichen — wie kann man sich mit einem Körperfehler schmücken? Da bemerkte er, angewidert und belustigt zugleich, daß ja auch manche Lorgnons in Fingern ruhten, die Ringe an Gichtknoten trugen.
„Warum hängen sich die alten Frauen in Europa nicht lieber einen Scheck in gleicher Höhe um den Hals, wäre das nicht optisch erfreulicher, als Perlen über häutige Hälse holpern zu lassen?“ Und die traurige Frage ward groß in ihm: „Werden die Menschen im Alter um so viel häßlicher hier, weil sie sich selbst ähnlicher werden?“
Getrennt von der kompakten Trabrennhorde trieb sich ein scheinbar wildlebender Jobber: Drilling aus Roßtäuscher, Schmierenkomödiant und Galopin ständig in der Nähe der Separées herum. Träufelten dann Privatgesellschaften heraus und zerflossen in die Hall, versäumte es die Gastgeberin fast nie, gerade diesen etwas von oben herab — und doch wieder ängstlich — in ein Gespräch zu verwickeln. Als Horus vorbeiging, stand eben eine Dame, nach dem Kanon des Öltanks gebaut, bei ihm:
„Prinz Strasyboulos Argyropoulos führte die Hosteß Mrs. Beermann aus Chicago, die in einer höchst kleidsamen Kreation von Cheruit besonders faszinierend aussah. — Nein, schreiben Sie lieber: Der Marqueß of Kar and Kinstone führte die Gastgeberin Mrs. Beermann aus Chicago, die ...“ Ganz am Ende kam noch eine Reihe wohlklingender Gäste.
„Kein Mr. Beermann — keine Miß Beermann anwesend?“ Der Drilling frug es mit sardonischem Grinsen.
Sie zauderte. Sollte diese makellose Dinnerfassade durch weitere Beermanns Abbruch leiden? „Nein,“ entschied sie, „die Liste ist vollständig; aber daß es sicher morgen im Herald erscheint.“
Und die so jäh dem Schoß ihrer Familie Entbundene versuchte sich mit gnädigem Nicken zu entfernen.
Da sagte der Roßtäuscher von der andern Fakultät, dort wo sie schon an Kunst und Literatur grenzt: „Bedaure, wir sind mit Notizen ‚aus der Gesellschaft‘ für eine Woche komplett. Wir mußten schon Lady Cadogan zurückstellen. ‚Lady Eveline,‘ sagte ich zu ihr, ‚es ist mir nicht möglich, selbst einer so alten Freundin ...‘.
„Ich werde Ihnen sofort Mr. Beermann schicken, um das zu regeln.“
Und Mrs. Beermann jagte ihren über das ganze Hotel ausgeronnenen Gästen nach. Nur Mr. Beermann stand noch da und schielte zum Erschrecken in seine eigene Brieftasche hinein. Mit Bedauern und Geringschätzung sah Lizzie Beermann zu ihrem eisblonden Tischherrn hin, nun saß er wieder, sichtlich befreit, bei seiner eigenen „set“. Wie eine verpflanzte Blume war Lizzie zwischen den bleckenden Stiefeln, den Schlachthäusern und goldenen Gebissen Chicagos syrisch ausgeblüht, litt und zersehnte sich nach dem, „dessen Kehle süß und der ganz lieblich ist.“