Helen A. Keller.
[14] Siehe [S. 67.] [ 107 ff.]
An Fräulein Evelina H. Keller.
[Boston, 29. Oktober 1888.]
Meine liebste Tante! Ich werde sehr bald kommen, und ich denke, Du und jedermann wird sehr froh sein, meine Lehrerin und mich wiederzusehen. Ich freue mich sehr, daß ich viel über viele Dinge gelernt habe. Ich studiere Französisch und Deutsch und Lateinisch und Griechisch. Se agapo ist griechisch und heißt: Ich liebe dich. J’ai une bonne petite soeur ist französisch und heißt: Ich habe eine gute kleine Schwester. Nous avons un bon père et une bonne mère heißt: Wir haben einen guten Vater und eine gute Mutter. Puer ist Knabe im Lateinischen und Mutter ist mother im Deutschen. Ich will Mildred viele Sprachen lehren, wenn ich nach Hause komme.
Helen A. Keller.
In einem Briefe an ein Fräulein Bennet, datiert Tuscumbia, den 29. Januar 1889, teilt Helen ihre astronomischen Kenntnisse mit. Es heißt darin unter anderem:
Ich habe in meinem Buche über Astronomen gelesen. Astronom kommt von dem lateinischen Worte astra, das Sterne bedeutet, und Astronomen sind Männer, die die Sterne studieren und uns von ihnen erzählen. Wenn wir ruhig in unseren Betten schlafen, beobachten sie den schönen Himmel durch das Teleskop. Ein Teleskop gleicht einem sehr scharfen Auge. Die Sterne sind soweit entfernt, daß man ohne ganz vorzügliche Instrumente wenig von ihnen erzählen kann. Sehen Sie gern aus Ihrem Fenster und betrachten Sie die kleinen Sterne? Lehrerin sagt, sie kann die Venus von unserem Fenster aus sehen, und dies ist ein großer, schöner Stern. Die Sterne heißen die Geschwister der Erde.
Während des Winters arbeiteten Fräulein Sullivan und ihre Schülerin fleißig in Tuscumbia, und zwar mit gutem Erfolge, denn im Laufe des Frühjahrs nahm Helens Ausdrucksweise echt englisches Gepräge an. Seit dem Mai 1889 finden sich, abgesehen von einigen offenbaren Schreibfehlern, keine Verstöße gegen die Regeln der Sprache; sie gebraucht die Worte richtig und bildet fließende Sätze. So schreibt sie am 18. Mai 1889 in einem Briefe an Herrn Anagnos:
Sie können es sich nicht vorstellen, wie erfreut ich war, gestern abend einen Brief von Ihnen zu erhalten. Es tut mir sehr leid, daß Sie so weit fortgehen. Wir werden Sie sehr, sehr vermissen. Ich würde gern viele schöne Städte mit Ihnen besuchen. Als ich in Huntsville war, traf ich mit Dr. Bryson zusammen, und er erzählte mir, er sei in Rom, Athen, Paris und London gewesen. Er hatte die hohen Berge in der Schweiz erstiegen, schöne Kirchen in Italien und Frankreich besucht und viele alte Schlösser gesehen. Ich hoffe, Sie werden die Freundlichkeit haben, mir aus allen Städten, die Sie besuchen, zu schreiben. Wenn Sie nach Holland kommen, so grüßen Sie bitte die liebliche Prinzessin Wilhelmine herzlichst von mir. Sie ist ein liebes kleines Mädchen, und wenn sie alt genug ist, so wird sie Königin von Holland sein. Wenn Sie nach Rumänien kommen, so fragen Sie, bitte, die Königin Elisabeth nach ihrem kleinen kranken Bruder und sagen Sie ihr, daß ich sehr traurig bin, daß ihr geliebtes Töchterchen gestorben ist. Ich möchte gern Vittorio, dem kleinen Prinzen von Neapel, einen Kuß senden, aber Lehrerin sagt, sie fürchte, Sie könnten so viele Aufträge nicht behalten. Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, so werde ich sie alle selbst besuchen.