Der folgende Brief an Helens französische Lehrerin enthält die Wiedergabe eines Märchens von Andersen (vergl. unten [S. 327]).
An Fräulein Fannie S. Marrett.
Tuscumbia, 17. Mai 1889.
Mein liebes Fräulein Marrett! Ich muß an ein liebes, kleines Mädchen denken, das sehr heftig weinte. Sie weinte, weil ihr Bruder sie sehr geärgert hatte. Ich will Ihnen erzählen, was er getan hatte, und ich denke, Sie werden das kleine Mädchen von Herzen bedauern. Sie hatte eine sehr schöne Puppe zum Geschenk erhalten. O, es war eine reizende, zarte Puppe! aber der Bruder des kleinen Mädchens, ein großer Junge, hatte ihr die Puppe weggenommen und sie auf einen hohen Baum im Garten gesetzt und war dann davongelaufen. Das kleine Mädchen konnte die Puppe nicht erreichen und konnte ihr nicht herunterhelfen, und daher weinte sie. Auch die Puppe weinte und breitete ihre Arme zwischen den grünen Zweigen aus und machte ein ganz trauriges Gesicht. Bald würde die finstere Nacht kommen — sollte da die Puppe die ganze Nacht ganz allein auf dem Baume sitzen? Das kleine Mädchen konnte diesen Gedanken nicht ertragen. »Ich will bei dir bleiben,« sagte sie zu der Puppe, obgleich sie nicht allzu beherzt war. Schon begann sie ganz deutlich zu sehen, wie die kleinen Elfen in ihren großen spitzigen Hüten durch die dunkelen Baumgänge tanzten und aus den Sträuchern hervorblickten; und sie schienen näher und näher zu kommen. Das kleine Mädchen streckte ihre Hände nach dem Baume aus, auf dem die Puppe saß, und die Elfen lachten und deuteten mit den Fingern auf sie. Wie erschrocken war das kleine Mädchen! Wenn man aber nichts Böses getan hat, so können einem diese sonderbaren kleinen Elfen kein Leid zufügen. Habe ich etwas Böses getan? Ach ja! sagte das kleine Mädchen. Ich habe über die arme Ente und ihr mit einem roten Lappen umwickeltes Bein gelacht. Sie hinkte, und darüber mußte ich lachen; aber es ist unrecht, über die armen Tiere zu lachen!
Ist das nicht eine traurige Geschichte? Ich hoffe, der Vater hat den unartigen Knaben bestraft...
Im Sommer war Fräulein Sullivan dreieinhalb Monate verreist. Folgender Brief Helens an sie legt Zeugnis von dem herzlichen Verhältnis ab, das zwischen Lehrerin und Schülerin bestand.
Tuscumbia, Ala. 7. August 1889.
Liebstes Fräulein! Ich freue mich sehr, Ihnen heut abend schreiben zu können, denn ich habe den ganzen Tag viel an Sie gedacht. Ich sitze auf der Piazza, und meine kleine weiße Taube sitzt auf der Lehne meines Stuhles und sieht mir zu, während ich schreibe. Ihr kleiner brauner Gefährte ist mit den übrigen Vögeln davongeflogen, aber Annie[15] ist nicht traurig, denn sie leistet mir gern Gesellschaft.
Der kleine Artur[16] wächst sehr schnell. Er hat jetzt ein kurzes Kleidchen an. Cousine Leila glaubt, daß er binnen kurzem gehen wird. Dann will ich seine weiche, dicke Hand in die meinige nehmen und mit ihm im hellen Sonnenschein spazieren gehen. Er wird die größten Rosen pflücken und auf die lustigsten Schmetterlinge Jagd machen. Ich will sehr sorgfältig auf ihn achtgeben, damit er nicht fällt und sich wehtut...
Ein Herr schenkte mir eine schöne Karte. Sie stellt eine Mühle an einem schönen Bache dar. Auf dem Wasser schwimmt ein Boot, und rings um das Boot wachsen duftende Lilien. Nicht weit von der Mühle liegt ein altes Haus, das ganz dicht von Bäumen umgeben ist. Auf dem Dach des Hauses sitzen acht Tauben, und auf der Schwelle liegt ein Hund...