Endlich wendete er sich von ihr ab und Olly zu, und die beiden sprachen miteinander leise und für die andern undeutlich. Er sprach mit ihr von ihrer Kunst, und ihre Augen strahlten in einem fieberhaften, seligen Feuer. Er bog sich zu ihr hin, um ihr das Sprechen zu erleichtern.
Es war die Stunde, in der zum erstenmal ein Mensch mit ihr sprach, von dem sie fühlte, daß er sie verstand. Weshalb eigentlich? Sie wußte es selbst nicht zu sagen. Seine Worte waren für sie lebendig und in ihren Worten, diesen armen, heisern Worten, lag auch ein Leben, das er in ihr erweckt hatte. Sie sprach zum erstenmal nicht ins Leere hinein. So war es: sie fühlte, daß sie bisher das, was ihr am heiligsten war, immer ins Leere gesprochen hatte, wie in eine große Einsamkeit hinein. Und jetzt auf einmal ein Wiederhall – zum erstenmal. Früher hatte sie gedacht: die Menschen sind eben einsam, jeder ist im Grunde einsam – und nun doch nicht, nicht alle, nicht immer. Und war sie denn immer wirklich einsam gewesen? Bewahre. Nur bis zu einem Punkt ihrer Seele war nie ein Menschenwort gedrungen. Und dann war es auch der Erfolg, daß er sie gelobt hatte, – die Anerkennung. Hätte er sie getadelt, wäre sie wie vernichtet gewesen, so erschien es ihr; aber jetzt, welches Leben, welche Lebenshoffnung! Wie eine weite Sonnenbahn lag mit einemmal alles vor ihr. Das war eine Stunde!
Sie sah zwar so alltäglich aus, wie irgend eine andre. Emil saß da und brummte; er war wütend auf Köppert. Erwin und die Mutter führten ein litterarisches Gespräch trotzig allein. Es war ihnen unmöglich, wenn sie in Gesellschaft saßen, sich nicht schöngeistig zu bethätigen. Sie thaten dann gewissermaßen, als wären sie nicht Mutter und Sohn, sie thaten fremd miteinander.
Gastelmeier setzte seinen Gästen Wein vor, nahm sein Cigarrenetui aus der Brusttasche und reichte es Köppert. »Bitte, Köppert, bediene dich, kuhwarme Cigarren.«
»So ein Mensch!« sagte Köppert zu Gastelmeier, »wo nimmst du eigentlich den Mut zu dergleichen her? Und außerdem?« Er blinzelte auf Olly hin. »Natürlich, ein Ehemann – eine Rothaut.«
Das Mädchen kam in das dämmerige Zimmer hereingeschlichen und meldete den Doktor an.
»Kommt der denn immer noch zu euch?« fragte Frau Kovalski.
»Er hat mich heute auf der Straße nach Olly gefragt, da habe ich ihm von ihrer Heiserkeit gesagt und so weiter, daß sie bei ihrem Fieber arbeitet,« sagte Gastelmeier.
Der alte Doktor trat ein. »Nun, Frauchen,« begrüßte er Olly. Gastelmeier rückte ihm einen Stuhl zurecht.
Olly war tief erregt. Das Glück, das Köppert ihr gebracht hatte, ließ ihr das Blut durch die Adern stürmen; ihr war, als wenn von den Füßen her Flammen durch ihren ganzen Körper schlügen, freudige, erregte Flammen. Da war nun das Glück und es schien ihr, als wäre es nicht leicht zu ertragen. Es beengte ihr die Brust, trieb ihr das Blut zu Kopf. Sie war so beunruhigt und wendete sich wieder zu Köppert und sagte: »War es Ihnen auch so, als der erste Mensch, wissen Sie, einer, dem Sie ganz vertrauen, Ihnen sagte, daß – –. Sie haben mir doch gesagt, daß meine Arbeiten gut sind?« unterbrach sie sich und schaute mit großen Augen auf ihn.