Der Arzt sagte vorher zu Olly: »Frauchen, morgen, wenn Sie hübsch ruhig sind, muß ich schon noch einmal kommen – was? Wir müssen das Hälschen uns ordentlich ansehen.« Dann gingen sie.
»So eine Art Seelchen hat der Gastelmeier erwischt,« sagte Köppert zum Arzt, als sie in die Winterkälte hinaustraten, »ich habe seine Frau zum erstenmal heut gesehen.«
»Frau?« erwiderte der alte Doktor, der mit Köppert gut bekannt war, »›Frau‹ ist das nicht – das hat nichts von ›Frau‹.«
»Ein armes Seelchen,« meinte Köppert. »Wie kommt der Gastelmeier eigentlich zu ihr und sie zu ihm?«
»Sie ist Todeskandidatin,« sagte der Arzt trocken.
»Wie, das Seelchen?« fragte Köppert.
»Im Vertrauen, ja. Es ist mir herausgerutscht – die oben wissen von gar nichts noch – also unter uns. Mir ist's schon längst klar; eine abschließende Untersuchung ist zwar noch nicht vorgenommen, aber es wird nicht viel anders aussehen, als ich jetzt annehmen muß.«
»So ein ahnungsloses Geschöpf,« sagte Köppert.
»Soll's auch bleiben, so lange als möglich. Die wird ihrem Mann noch genug zu raten aufgeben – Herrgott noch einmal! Ich habe das Gesicht gesehen, als es vor ein paar Wochen hieß, sie brauchte vorderhand nicht mehr zu befürchten, Mutter zu werden, – das heißt, ich sagte damals nicht ›befürchten‹, sondern teilte es ihr schonend mit, wie man das so nennt. Dies Gesicht! Die vollkommene Erlösung! Nur einen Augenblick war der Ausdruck ganz klar. Ich habe ihn nie ähnlich bei einer Frau gesehen. Sie hat nichts als ihre verdammte Kunst im Kopf. Es hat ihr davor gegraut, daß sie ihre Kraft nicht mehr für sich ganz allein haben sollt' – und nun – daß wird eine nette Geschichte werden. Mir thut der Mann leid. – Also ganz unter uns.«