»Laß das Licht hier brennen,« bat sie ihn.

»Mach's aber aus, Olly, vergiß nicht.«

»Ich vergeß nicht. Morgen möcht' ich aber ein Nachtlicht haben.«

»Dann besorg's dir, mein Kind.« Damit schlürfte er ab. Sie hörte das Bett krachen, als er sich schwer und halb schon wieder im Schlaf hineinwarf. Sie aber stand auf und holte aus einem Schiebkasten, den sie behutsam aufzog, ein Spiegelchen und schaute mit blinzelnden Augen und geöffnetem Mund den armen Hals an, in dem das Fremde steckte. ›Damit geht's nicht,‹ dachte sie. ›Er hat ja auch ein Extraspiegelchen gehabt.‹

Matt und müde legte sie sich wieder und schaute ins Licht – und wagte nicht, es zu löschen, weil sie sich vor der Dunkelheit fürchtete und vor neuer Angst und Qual.

Aber endlich wurden die Augen wieder schwer, das Unbehagen dumpfer. Sie löschte das Licht mit den Fingerspitzen, um sich nicht bewegen zu müssen und schlief ein, so schnell, daß der uralte Vogel, der die schlaflosen Kranken nachts besucht und ängstigt, nicht Zeit hatte, sich auf sie niederzulassen.


Am andern Morgen kleidete sie sich hastig an und blieb den ganzen Vormittag stumm über ihrer Arbeit. Sie arbeitete mit heißen Wangen und feuchter Stirn. Ihre Hand war nicht sicher, sie zitterte, und es machte ihr Mühe, die Palette zu halten. Das war die ganze letzte Zeit schon so gewesen, heute aber war es bedeutungsvoller als sonst. Sie fühlte es mehr, sie war darauf aufmerksam gemacht worden. Dennoch arbeitete sie anhaltender als sonst. Es war aber kein frohes Arbeiten wie früher, sondern ein Kampf gegen einen Riesen, der unsichtbar, wie im grauen Nebel steckte, dessen Faust aber schwer auf ihr lag.

Sie hatte seit ihrer Krankheit schon öfters während des Malens eine sonderbare Schwäche gefühlt. Die Haut wurde feucht, wie übergossen. Jeder Lufthauch machte sie dann erschauern, durch das geschlossene Atelierfenster schien ihr ein eisiger Zug zu dringen. Und sie hatte sich nicht anders helfen können, als damit, daß sie sich umzog und hastig einfeuerte. Heute kam es wieder schlimmer als je. Die Arbeitswut und der Eifer aber, der sie gepackt hatte, war stärker als alles. Sie stemmte sich gegen die Schwäche, gegen die feuchte Kälte. Sie fühlte bei jeder Bewegung, wie ihr das Leinen an der Haut klebte. Das Haar lag ihr auch feucht auf der Stirn; aber sie hielt nicht inne, biß die Zähne aufeinander und arbeitete weiter.