Und während sie arbeitete, hörte sie Köppert sprechen, so deutlich, als wäre er im Zimmer. Er sprach von ihrer Arbeit. Er lobte, er sagte alles noch einmal, was er ihr schon gesagt hatte. Das Bild hatte ihm gefallen. Die Haltung des Mädchens hielt er für vollkommen gut, die sprach aus, was sie aussprechen sollte: das Dumpfe, das Müd-gearbeitete, das Ausruhen, das Menschliche, das Einfache. Er hatte es ganz verstanden.
Und wie sie das Menschliche, das Einfache, das Tiefwahre liebte! Mit welcher Leidenschaftlichkeit, mit welchem Jubel gab sie es wieder! Und mit welchem Jubel fühlte sie sich verstanden, – und von dem verstanden, der ihr der Meister war, der sie durch seine Werke diesen tiefinnerlichen Weg hatte finden lassen!
»So redet doch von Schönheit, redet doch und sucht sie über den Menschen und über den Wolken und stolpert darüber. Und überall ist sie – und so rührend und so geheimnisvoll, so ganz fürs Herz! – Ja man sieht einen Menschen und denkt gar nichts dabei. Von dem, was schön ist, ist er weit entfernt. Und mit einemmal, wenn man sich in ihn hineindenkt, ist er so schön, so unnachahmlich, so voller Ausdruck, so ganz Mensch, ganz Geschichte seines Daseins.«
So hatte er gesprochen. Und sie dachte jedes seiner Worte wieder zu erhaschen. Sie tauchten vor ihr auf wie die frühen Sterne am dämmerigen Abendhimmel, ein Stern nach dem andern. – Einer – dann noch einer, dann wieder einer. Und mehr und mehr. Den Worten nachjagen, die ein Mensch gesprochen, mit einer Wonne nachjagen, daß ihrer keins verloren ging – ja, das war Leben. Und zum allererstenmal!
Hatte sie sich je aus innigstem Bedürfnis ein Wort zurückgerufen, das irgend ein Mensch gesprochen? Nie. Und jetzt mit welcher Lust, welcher Tollheit, als wenn es Perlen wären, die ihr davonrollen wollten. Und sie wurde nicht müde und arbeitete dabei mit einer Hast, einer Inbrunst, einem Jubel. – Wie unheimlich! Es rann ihr über die Stirn ein Tropfen an der Schläfe herab, so, als wäre sie in Sommerhitze einen Berg hinaufgeklommen – und es war Winter, und im Atelier war's kühl. Das innere Feuer ließ nach, und wie ein krankes Kind, das vom Spiel ermüdet ist, legte sie sich nieder, das Gesicht in die Arme vergraben.
»Soll ich gehen?« fragte das Modell.
»Nein, bleiben.« Und es dauert nicht lange, da war sie wieder an der Arbeit, hatte sich aber ein dickes Tuch umgelegt und es wie eine Kapuze über den Kopf gezogen.
Am Nachmittag kam Köppert wieder. Er traf sie noch bei der Arbeit. Sie hatte sie nur unterbrochen, um hastig zu Mittag zu essen.