Sie war so friedlich, so gleichmäßig gestimmt. Köppert erzählte allerhand Jagd- und Tiergeschichten, lebendig und frisch, und sie hörte andächtig zu, wie ein Kind, dem Märchen erzählt werden. Die ganze Welt war für sie nicht mehr vorhanden, nur einzig die kluge Stimme. Gastelmeier begleitete Köppert diesen Abend, sie wollten noch ein Glas Bier miteinander trinken. Emil ging nach Hause. Das Mädchen machte das Bett auf dem Schlafsofa zurecht – und Olly blieb ganz allein.

Sie wanderte im Zimmer auf und nieder. Nach dem muntern Reden, der leichten Stimmung schien ihr die Einsamkeit ganz eigentümlich bedrückend. Der dicke Nebel der Hoffnungslosigkeit lag mit einemmal wieder über ihr. Das Fieber, das jeden Abend sich einstellte, brannte ihr wieder in Füßen und Händen – und mehr als das brannte die Sehnsucht nach Köppert in ihrer Seele. Er hatte alles mit sich genommen, ihre Ruhe, ihre Fassung, ihr Vertrauen auf eine Arbeitskraft, die Krankheit und Schwäche überwindet – alles. Es war ihr zu Mute, als sollte sie ohne ihn verschmachten, als hätte er ihr auch Luft und Licht mitgenommen.

Ganz atemlos lehnte sie sich an den großen, weißen Kachelofen und preßte den Kopf mit beiden Händen. Es war ihr zu Mute, als stände ihr ganzes Wesen in Flammen. Und wie war es gekommen, wie denn? – »Herrgott – ich liebe ihn!« sagte sie heftig. Dann war sie ganz still und bewegungslos.

Wie eingebrannt war Köpperts Bild in ihrer Seele. Das unregelmäßige Gesicht, die lebendigen grauen Augen, in denen unversteckt die Gefühle zu lesen waren, die leichte, sehnige Gestalt. Man sah an jeder Bewegung, daß er gescheit war. Der Körper war ihm von seinem geistigen Wesen kräftig durchdrungen. Ja, sie hatte schon früher gesagt, als sie ihn nur vom Sehen kannte: »Er ist der einzige Mensch hier, der ein Gesicht hat.«

Jetzt sah sie ihn vor sich, so ganz wie er war. Sie sog durstig seine Züge, seine Stimme ein. Sie hielt ihn an den Händen und es war, als wenn sie zu ihm sagte: »Verlaß mich nicht, bleib.« Das erschütterte sie bis ins Tiefste. – Und Mimm? Sie konnte kaum atmen. Wie unnobel – wie scheußlich, sich von Mimm füttern zu lassen, Mimm zu quälen, ihn schlecht zu versorgen, seine Liebhabereien nicht zu beachten, seinen Lieblingsspeisen nicht nachzufragen, alles von ihm anzunehmen, ihn gleichgiltig beiseite lassen, immer nur an sich denken – einem andern mit jedem Gedanken nachhängen! – War das nicht gemeine Betrügerei?

Das war ein elendes Geschäft, was Mimm gemacht hatte. Sie hatte es bisher nie so gefühlt! aber mit einemmal übersah sie, daß er gar kein Behagen an ihrer Seite gefunden. Wie rührend war es, daß er sich heute Abend über Emils gutgelungenes Nachtessen so gefreut hatte – und wie liebenswürdig war er in dem ganzen Durcheinander, das sie ihm gebracht! Was für Sorgen hatte er sich aufgeladen – und für wen?

Olly brannte in Fieber und Erregung. Sie sollte fort von Mimm gehen – irgendwohin und arbeiten, nichts als arbeiten, das wäre das einzige – das rechte. Entweder: an sich selbst denken und für sich selbst leben – oder: an andre denken und für andre leben. So eine gemeine Seele, die betrügt! Sie hatte nie darüber nachgedacht, heute zum allererstenmal. Ja, sie hatte mit Mimm einen ganz betrügerischen Handel geschlossen. Alles genommen und nichts gegeben – gar nichts gegeben, sondern nur immer von neuem genommen und genommen, mit einer Roheit und Gedankenlosigkeit – die hätte sie nie in sich gesucht. Mit welcher Angst, mit welcher Verzweiflung hatte sie gefürchtet, Mutter zu werden. Sie hatte nur und einzig an sich dabei gedacht, nicht an Mimm und nicht an das Kindchen. Sie hatte sich immer noch für ihren eigenen Herrn gehalten, und das war sie nicht mehr. Ihre Arbeit, der Weg zum Ruhm war ihr die Hauptsache. Mimm war das sehr gleichgiltig, der wollte eine gute Frau und die hatte er nicht.

Und nun? Jetzt gerade hörte diese Blindheit auf, jetzt, wo sie jede Kraft, jeden Hauch von Kraft an ihre Kunst wenden wollte, jetzt, wo sie jede Minute ausnützen wollte, drängten sich tausend Dinge ein.

So stand sie mit gefalteten Händen und mit gesenktem Kopf ganz fassungslos, ganz erdrückt. Der Nebel, der über sie gefallen war, der dichte, trostlose Nebel, belebte sich nun mit Gestalten, die sie bis aufs Blut ängstigten. Ihre Arbeit, der lange Weg zum Ruhm, die unerfüllten Pflichten, der falsche Handel, den sie unbewußt eingegangen – und Köppert – und Mimm – und das Kranksein – und das frühe Sterben, das gestaltlos, aber grauenhaft unsichtbar in dem schweren Nebel lauert.