»Das ist zuviel, Herr, mein Gott!« jammerte sie auf. Und durch allen Jammer hindurch und über allen peinigenden Gedanken und Erkenntnissen, die Sehnsucht nach Köppert. Sie sah ihn immer vor sich und immer streckte sie beide Hände nach ihm aus. Er war der Einzige, der sie retten konnte, der Einzige, der ihr Ruhe gab. Er war das Leben – und sie wollte leben!

Trotzig sprang sie auf und ging durchs Zimmer, und die bittere, verzehrende Lebenssehnsucht derer, die um das Leben betrogen sind, wühlte ihr im Herzen. – Wenn sie dachte, daß sie ihn nicht mehr sehen und hören sollte – nie mehr! Und auch die Arbeit aufgeben, und das heiße, lebendige Streben – und nur den Kaufpreis abverdienen, den Mimm für sie gegeben, da fuhr eine solche verzweiflungvolle Empörung durch ihr ganzes Wesen, daß sie an ihren Haaren riß, das Taschentuch, das naß von Thränen war, in Streifen riß, sich auf den Boden niederwarf und heiser schluchzte und schrie. Worte fand sie nicht mehr, Gedanken auch nicht – nur eine fieberhafte Empörung, eine sinnlose Wut, wie ein wildes Tier, das gegen seine Käfigstäbe schlägt.

Und dann kam wieder der bittere Kampf, das Mitleiden, das sie Mimms wegen fühlte, das Bewußtsein des Betrugs, ja Betrugs, wie sollte man es anders nennen, und das drückte sich ihr wie ein Brandmal in die Seele.

Mimm kam spät nach Hause und fand seine Frau in einem Zustand der tiefsten Erschöpfung. Sie kauerte noch auf dem Boden, als er eintrat.

»Olly!« rief er ganz bestürzt und kniete zu ihr nieder und richtete sie auf – und da fühlte sie wieder ›die sorgsame Pforte‹, die ihr Herz gewonnen hatte. Und da sie in ihrer Erregtheit wie ein Mensch ohne Haut war, dem alles die innersten Nerven trifft, wurde sie davon so bewegt, daß sie von neuem in heiße Thränen ausbrach und sich bitterlich vor Mimm anklagte, ganz vernichtet, und vor ihm demütigte.

Mimm war ganz glücklich und freudig erregt, wie es eine kindliche Seele ist, die an eines Menschen plötzliche Umkehr glaubt. Er tröstete sie und suchte sie zu beruhigen. »Siehst du, Ollychen, nun wird alles gut,« sagte er einmal übers andremal.

Das ärgerte sie aber und sie sagte bitter: »Du meinst also, daß ich das Malen lasse?«

»Na – na, bewahre, einschränken, ein bissel einschränken. Das wird dir nur gut sein.«

Seine Ruhe und Zufriedenheit quälte sie. Nach der hastigen, stundenlangen Erregung schüttelte sie jetzt das Fieber. Mimm half ihr beim Entkleiden und behandelte sie so sorgsam wie ein kleines Kind; aber das Herz war ihm schwer. Was der Doktor ihm von Ollys Gesundheitszustand gesagt hatte, lag düster auf ihm. Es war so etwas Feierliches, Trauriges, Unbegreifliches. Eine ganz gesunde, frische Frau würde er nie wieder an ihr haben, so eine Häuslichkeit, von der er geträumt hatte, war für immer verloren. Wenn sich die arme Olly auch Mühe geben würde, wie könnte es denn werden? Eine Frau muß gesund sein, das ist das erste. Und das wütende Arbeiten, wobei sie nicht hörte und sah!