Im ganzen und großen ging es aber ganz leidlich und besser als vordem.
In der Küche wirtschaftete seit Wochen schon Emil auf seine vortreffliche Weise; er nahm auch das Haushaltungsbuch an sich und führte es pflichttreu. Er wohnte dann ganz bei seiner Schwester, damit diese seine Zeichenstudien besser überwachen konnte, und saß, wenn er nicht draußen in der Küche sein Wesen trieb, in Ollys Wohnzimmer und zeichnete muffig und unzufrieden. Wenn Olly matt, mit fliegendem Atem, im vollen Fieber aus dem Atelier kam und gearbeitet hatte bis auf die letzten Kräfte und sich nun niederlegen mußte, da ruhten ihre Blicke auf Emil, der in seinem behaglichen Fett so träg und indolent dasaß, und eine wahre Wut packte sie da. Einmal erfaßte der Zorn sie dermaßen, daß sie wankend, mit Thränen in den Augen, aufstand und Emil eine unvermutete Ohrfeige gab.
»Prost,« sagte Emil und guckte ganz verblüfft auf. »Na, weißt, Olly, mit deinen Kräften steht's gottlob net übel.«
Da stand sie ganz beschämt vor seiner Gutmütigkeit. »Wärst du doch nicht so faul,« sagte sie heiser. Zu gleicher Zeit aber fühlte sie mit einer jammervollen Verzweiflung, daß Emil sie schon aufgegeben hatte. Sie gehörte nicht mehr zu den Lebenden. Sie durfte beleidigen und beleidigte nicht mehr. Eine Röte schoß ihr ins Gesicht, gleich darauf wurde sie bleich und wankend, das Haar feucht, eine schreckliche Schwäche überkam sie.
Emil schaute auf sie hin, legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie zum Sofa, kauerte vor sie nieder und sie fühlte ein verhaltenes Zucken. Er weinte, versteckt an ihrer Brust, wie um eine Tote.
Sie ließ ihn weinen, ohne sich zu rühren, ein entsetzliches Grausen durchrieselte sie. War es denn so nah?
Nein, nein, es war ja erst der erste Anfang der Krankheit. Man sah sie ihr noch kaum an. Sie war nicht abgemagert. Ja, Qual war da; – aber doch, – es war erst der Anfang. – Der Anfang von was? – Von entsetzlichen Dingen – und dann – und dann? –
Es war ihr, als schnürte sich ihr die Brust zusammen. »Wann kommt Köppert?« fragte sie. »Ist es noch nicht so weit?«