X.
Ein feuchtes, rauhes Frühjahr ist gekommen und von den knospenden, regentriefenden Bäumen herab, unter grauem Himmel, tönt das Amsellied, diese Seelentönchen, die Erinnerung und Sehnsucht bringen, die am Herzen rütteln und den Kinderseelen Frühlingswonne schaffen. Diese urweltlichen Stimmchen, die uns erfassen und uns in das Neuerwachen mit hineinreißen, auch dann, wenn wir todmatt sind, wenn wir der Weltverjüngung entfliehen möchten, weil nur der Jammer in uns wieder jung wird. Das Frühlingsamsellied unter grauem Himmel von knospenden, regentriefenden Bäumen herab, reißt erbarmungslos alles, was lebt, was Ohren zu hören und ein Herz hat, mitzuempfinden, in den Verjüngungsstrom hinein. Denen aber, die um ihr Leben betrogen sind, thut es weh zum Aufschreien.
Olly hat mit Mimm und Emil in den Isarauen die erste Ausfahrt gemacht. Aufs äußerste erschöpft, ist sie daheim wieder angelangt, liegt auf dem Sofa und sieht mit großen Augen starr vor sich hin.
Emil deckt den Theetisch, stellt einen großen Strauß Himmelsschlüssel darauf und scheint die erste Ausfahrt feiern zu wollen.
Mimm setzt sich auch zum Thee; aber die Feier will nicht in Gang kommen. Olly liegt teilnahmslos, und nur durch ein Zeichen giebt sie zu verstehen, daß man ihr Ruhe lassen soll.
Der junge Duft der frischen Himmelsschlüssel dringt kaum merklich durchs Zimmer. Sie empfindet ihn und er thut ihr weh, weh, wie alles und jedes.
Mimm macht sich zum Ausgehen fertig. Ehe er geht, streicht er Olly über das Haar. – »Geht's denn besser?«
Wie dies unnötige Fragen ihr an der Seele reißt! – Jetzt ist sie allein. Sie regt sich nicht. In ihr kämpft und bebt es; der große Frühlingsschmerz liegt über ihr, der in den Verlorenen, in denen, die das Leben ausgestoßen hat, wühlt und zerrt.