Köppert errötet, es thut ihm weh. – Wenn das Seelchen das wüßte! Seine Augen bohren sich wahrhaft in die nervös verzauste Mutter. ›Auf, alte Närrin!‹ sagen diese heftigen Blicke. ›Was bist du denn? Erwirb dir endlich das Recht zu leben – greif an! Was gehen deine Nerven dich an, laß sie meinetwegen an dir herumhängen – aber thu deine Pflicht!‹

Er war sinnlos wütend, Köppert. Wie zugespitzt er aussah! Er hatte den Sumpf, aus dem das Seelchen stammte, längst kennen gelernt, dieses Volk, das die schwachen, erbärmlichen Arme nach der Kunst ausstreckte, die Kunst als noblen Broterwerb betrachtete, diese frivolen Schwächlinge, die nicht wußten, wie sie mit dem Leben auch nur auf die elendste Weise fertig werden sollten, und mit dem Martyrium der Kunst spielten. Aus diesem Sumpf, der nur Blasen aufwirft, war dennoch eine Heldenseele aufgestiegen, eine Prachtseele, die bis zum Tod voller Schaffenskraft und Feuer war, die alles überwand. Und diese Seele lag jetzt verstümmelt, blutend zugerichtet, aufgegeben, und die Blasen machten sich wichtig und bliesen sich auf bis zum Platzen.

Die ihm so verhaßte Dame wollte ihn wehmutsvoll anreden und begann etwas Hochtrabendes. Er wendete sich ab. »Nun – nun – nun,« sagte er zu Gastelmeier und rührte ihn an der Schulter an.

»Das ist ein Leben. Wenn du wüßtest,« murmelte der, »eine Hölle!«

»Thun Sie die Tücher fort – und die Wasserschale,« sagte Köppert ruhig zu Frau Kovalski.

»Wozu?« sagte Gastelmeier, »laßt nur alles stehen und liegen, wie es liegt in diesem Unglückshaus; überhaupt, wozu hier etwas anrühren?«

»Verlier den Kopf nicht,« sagte Köppert, »armer Kerl.«

»Ja, das ist's, was ich vom Leben erhofft habe!«

Gastelmeier preßte den Kopf an die Glasscheibe. Er stand verzweifelt und verbittert da. Seiner behaglichen Person ging's schlecht, ihm war alles verpfuscht, ihm geschah das Entsetzliche – über sich selbst kam er nicht hinaus, und sein Schmerz war daher bitter, bitter wie Galle und von dem Mitleid für andre unverdünnt. Freilich hatte er Mitleid mit der Armen – aber daß er Mitleid haben mußte, das war's was ihm weher that, als das Mitleiden selbst. Er sah drollig aus. Seine Beinkleider hatten eine Art und Weise zu sitzen, die durchaus nicht zu der verzweifelten Stimmung paßte. Der Sitzteil dieser weiten Beinkleider hatte die Eigentümlichkeit, wie eine Art Schmetterlingsnetz an seiner geknickten Gestalt herabzuhängen.