»Diese Hölle heut Nacht, Köppert, so etwas geht über die Kräfte, die einem Menschen zur Verfügung gestellt sind.« Er murmelte unverständlich. Beide Hände hatte er in den Hosentaschen. Er sah wie breitgedrückt vom Schicksal aus.
»Es ist Hoffnung, daß sie noch leben kann, aber Köppert – siehst du – ganz ohne Stimme – weißt du? – und gesund? – Nie wieder eine gesunde Frau.«
Die Augen standen ihm voll Thränen, er hatte schon viel geweint und schnüffelte etwas. »Seit wir verheiratet sind, eine ewige Unruhe – nie Frieden. So reizend, so lieb, wie sie war – und doch nicht, wie es hätte sein können. Und nun – das!«
Er mußte sprechen. Er konnte seine Gedanken nicht mehr zurückhalten und ging neben dem langen, hageren Köppert, der seinen eigenen Gedanken, wie es schien, nachging, auf und nieder.
»Wenn ich denke, ich zog damals wegen dem Rangierbahnhof aus der Salzstraße; – aber was ist ein Rangierbahnhof gegen das Leben, wenn nicht alles ist, wie es sein sollte! Siehst du, Köppert – und es war nicht alles, wie es sein sollte,« sagte er in seiner Bewegung wieder, »es war nicht alles, wie es sein sollte. Schon in der Blütenstraße fing's an. Da rangierten sie und kamen mit nichts zurecht. Ich weiß nicht, wie sie's machten. Es war ein ewiges, geistiges Gepolter im Haus, ein ewiges Rasseln und Schnaufen und Würgen, keine Seelenruhe. Sie waren immer geheizt wie die Lokomotiven. Siehst du, – die Kunst, – Köppert, ich hab' immer gemeint, daß sie etwas ganz Harmloses wäre, eine stille Beschäftigung, – aber das ist sie ja gar nicht – oder sie ist's nicht mehr, ich weiß nicht. Eine lärmende Maschine, die Unfrieden und Unbehagen ins Haus bringt. Und wenn das Haus nicht groß genug ist und die Kräfte, die die Maschine leiten, nicht stark genug und nicht geübt genug – und die Maschine kommt ins Rennen – und die Schrauben halten nicht, wie sie sollten – so rennt sie alles über den Haufen und wütet das ganze Haus zusammen. Es gehört Riesenkraft dazu, um mit dieser Teufelsmaschine jetzt auszukommen. Die Schwachen sollten sich nicht daran vergreifen.«
In Gastelmeiers Hirn hatte sich der Vergleich, den Emil einmal gebraucht hatte, mit der Zeit eingeätzt. Er hatte im flüsternden Ton unaufhaltsam gesprochen, hatte nicht auf seine Schwiegermutter und den Schwager geachtet und nicht auf Köppert; es war ihm gleichgiltig, wer zugegen war. Was er sagte, mußte er sagen – und er hätte so viel mehr sagen können. – Aber schon das Wenige war eine Erleichterung. »Und,« fuhr er fort, wobei wieder zwei große Thränen über die behaglichen Wangen liefen, »was ist hier rangiert worden – hier – Köppert, – bei aller Liebe! Glaub mir, rangiert von früh bis in die Nacht – und nachts – nachts! Diese Nächte! Da hat Olly die Teufelsmaschine geheizt und überheizt. Sie wollte ans Ziel, sie mußte auf Leben und Tod! Das mit anzusehen! Wahrhaftig, ich habe nicht geglaubt, daß man mit einer Frau so etwas erleben kann. Man hält die Frauen auch für so harmlos?! Ich wenigstens that das; – aber sie sind es nicht.«
»Nein,« sagte Köppert, »das sind sie nicht. Wo liegt deine Frau?«
»Ja, wirklich, – ich weiß nicht, ob du sie sehen kannst, sie liegt natürlich zu Bett,« sagte Gastelmeier unsicher. »Ich weiß nicht.«
»Sag's ihr, daß ich da bin. Wer ist bei ihr?« fragte Köppert.