II.

Wir treffen den Friedel Gastelmeier in München wieder. Seinen Handkoffer hat er dem Portier auf dem Zentralbahnhof übergeben und jetzt schlendert er in die Stadt hinein. Es ist bei ihm abgemachte Sache. Das alte Quartier in der Salzstraße nimmt er nicht wieder – kehrt überhaupt gar nicht mehr dahin zurück. Weshalb soll er sich der peinlichen Geschichte aussetzen, von den beiden Frauenzimmern sich zu verabschieden? Und fort muß er, da ist nichts zu machen. Er hat's ihr versprochen. Und wahrhaftig, sie hat recht. Er hat sich dort verhätscheln lassen, es ist ihm vortrefflich ergangen – sie haben ihm alles an den Augen abgesehen. Er hat für die Bequemlichkeit den verfluchten Lärm in Kauf genommen – und noch etwas. Er war so ein schlauer Vogel gewesen, der es verstanden hatte, die Lockspeise zu fressen, ohne sich in der Schlinge zu fangen.

»Na ja! Was soll man machen bei diesem Menschenhandel? Übers Ohr hauen, wie das bei jedem Handel üblich ist. Scheußlich, wie man in so etwas hineinkommt,« philosophierte er und schlenderte weiter. »Na ja, entweder man läßt sich ausnützen oder man nützt aus. Es ist da gar nichts zu machen. – Und diesmal soll mich der Teufel holen, wenn ich irgendwohin gehe, wo eine Tochter im Haus ist. Aber wie sie das alles durchschaut hat, sie, die nie von da oben herabkommt. In Liebessachen haben die Weiber Eingebungen.«

So kam er im Café Luitpold an, hatte vorher noch einen Dienstmann in die Salzstraße geschickt, um die übrigen Sachen holen zu lassen, die er als vorsichtiger Mann wohlverpackt hinterlassen hatte. Im Café Luitpold wurde er an seinem Stammtisch von einigen Kollegen begrüßt.

»Speckmeier! Comme il faut-Meier! Büchselmeier, grüß Gott!«

»Da wären wir wieder.« Damit rückte er seinen Stuhl und faßte wohlgemut Posto.

Er stand trotz »Speck- und Büchselmeier« in gutem Ansehen bei seinen Kameraden, die ihn für einen tüchtigen Kerl in jeder Beziehung hielten, und seine kleinen Eigenheiten waren auch ein Vorzug, besonders weil er durchaus Spaß verstand. Er war ein prächtiger Kerl, darin stimmten sie alle überein. Für einen Künstler etwas pedantisch, daher »Büchselmeier«, aber gegen seine Künstlerschaft war eigentlich nichts einzuwenden. Er arbeitete simpel vor sich hin, ohne viel Aufhebens. – Und was er fertig brachte, hatte auch so etwas Simples, Gutes. Er war Landschafter, malte fleißig und verkaufte sogar, und das will viel sagen.

Nur in einem, da verstand er keinen Spaß. Friedrich Gastelmeier, der brave Bursche, hatte mit seinen achtundzwanzig Jahren es zu einer behaglichen Körperfülle gebracht – das war Thatsache, damit hatte er sich abgefunden. Er fand auch, daß diese Fülle ihn nicht übel kleidete, und hatte recht; aber eine andre Thatsache die nahm er nicht so kühl und einfach hin, es hatte sich bei ihm frühzeitig ein ganz ansehnliches Glätzchen eingestellt. Davon wollte er nichts wissen. Er gebrauchte allerhand Haarmittel. Man erzählte sich, daß er auch schon bei einem Haardoktor gewesen sei – alles vergeblich; die Fläschchen, die seine Haarmittel enthielten, standen jedoch nicht mit den übrigen auf seinem Waschtisch aufgepflanzt. Er hielt sie verschlossen, denn er schämte sich ihrer. Was mit dem Glätzchen zusammenhing, war sein wunder Punkt. Das hatten die Kollegen längst weg, denn sie hatten einst auch begonnen, das Glätzchen spaßhaft zu nehmen, waren aber bei Freund Gastelmeier übel angekommen, der sein Glätzchen verteidigte wie eine Löwin ihr Junges. Es war in dieser Beziehung die größte Vorsicht geboten.