»Sagen Sie einmal, mein Sohn, wie alt sind Sie eigentlich?«

Emil lachte wie ein Faun; sein »Verflucht! Verflucht! Verflucht!« kam an die Reihe und er schlug sich aufs Schenkelchen.

›Ist das eine Zucht!‹ dachte jetzt Gastelmeier ganz wütend.

»Die spinnen,« sagte ein Stimmchen neben ihm, und als er sich nach der Urheberin des Stimmchens umdrehte, sah er in ein paar schelmisch blickende Altweiberäuglein. Tante Zänglein hatte sich leise wie ein Fledermäuschen zu ihm hin gemacht. Sie hatte auch ein Gesichtchen wie eine Fledermaus, so zierlich und niedlich, und die blinkenden kleinen sternenklaren Augen. »Die spinnen,« sagte sie noch einmal.

»Herr Gastelmeier,« rief der sparrige Jüngling, »ich hab' Sie mit meinem alten Schatz aus Salzburg noch nicht bekannt gemacht!«

»Sie ungezogener Mensch, Sie,« lachte das alte Weibchen.

Wie sie aber zu lachen verstand! Mein Gott, die kleine Alte lachte gern und schien jeden Windhauch zu benützen, um ihre Lachglöckchen klingen zu lassen, so auch jetzt. Gastelmeier sah sich das kleine, alte Fräulein näher an. Es war allerliebst gekleidet, mit Geschmack und Wohlgefallen an netten Dingen. Gastelmeiers Herz hatte sie gleich gewonnen.

»Ah, das sind Leut',« sagte sie. »Jetzt haben sie sich gestern geärgert, mein Gott, es verlohnt sich nicht der Mühe; heute sind sie alle außer Rand und Band. Aber, was sagen Sie, nicht wahr, den Erwin nähmen auch Sie nicht mit nach Italien? Ich geh' nämlich nächster Zeit hin,« fuhr sie lebhaft fort. »Irgend wen muß ich mitnehmen. I wo, so allein geh' ich nicht wieder, wie's letzte Mal; aber so eine Trauerweiden, wie den Erwin und dazu so ein Pulverfaß von Revolutionär, wie er ist – so etwas möcht' ich net mitnehmen. Deshalb sind sie alle bös. Der lange Bursch da soll mit.« Sie zwinkerte nach ihrem Begleiter hin, der mit Erwin, Olly und deren Mutter in ein hitziges Gespräch über Kunstfragen geraten war. »Mein Gott, so ein alt's Weiberl muß halt nehmen, was sich bietet. Und was Junges muß es sein. Wissen Sie, Altes hab' ich selbst genug. Und außerdem: er ist ein armer Teufel. Ich wohne hier gerade gegenüber in der Schellingstraße. Mein Garten geht denen hier bis unter die Fenster. Das sind Leut',« beteuerte sie noch einmal und zwinkerte mit den Äugelchen. »Mir macht's eine Hexenfreud', zuzuschauen, wie geschickt die sich das Leben verderben. So ein Unsinn. Nein! Gott steh' ihnen bei! Ich hab mir das meine hübsch eingerichtet, wissen Sie, so ganz nach meinem Gusto. Das können die hier nicht leiden. Jetzt hören Sie nur, was sie wieder haben, über was sie da wieder in Eifer geraten. Hören Sie nur!«

Die kleine Alte setzte sich in Positur, als wenn sie in Gemächlichkeit ein Schauspiel betrachten wollte.

Sie hatten sich alle während des wütend-litterarischen Gesprächs erhitzt. Naturalismus, modern, altbacken, neue Werte und so weiter. Das alles war wie Schneebälle bei einer Schneeballschlacht hin- und hergeflogen mit schwindelerregender Schnelligkeit. Erwin Oels nicht anzubringender Roman schien immer noch die Ursache dieser Erhitzung zu sein.