Es war auch schon längst dunkel auf den Straßen, und die Verkappten, Vermummten und Ausstaffierten drängten zum Licht wie die Mückenschwärme. Sie wollten sich sehen lassen und wollten sehen. Und was draußen in der Kälte und dem schneidenden Wind eingefroren war, das begann in den heißen, mit Tabaksrauch und Menschendunst erfüllten Räumen sich auszubreiten: das wurde kühn und unternehmend.

In den hellen reichen Räumen des Café Luitpold sitzen an den runden Marmortischen Pärchen aller Art und schaulustige Leute, die den Menschenstrom an sich vorüberrauschen lassen, der durch das Café flutet, zur einen Thüre herein, zur andern wieder hinaus. In einer Ecke haben drei Personen Platz gefunden, ein junger Mann, dem die ganz naive Verliebtheit unbefangen aus den Augen sieht. Ein armer verliebter Mensch, ein Mensch, der uns nicht unbekannt ist, den wir bisher als sehr vernünftig und respektabel kennen lernten, als durchaus comme il faut. Comme il faut-Meier! Seine beiden Nachbarinnen tragen schwarzseidene Lärvchen. Die eine ist in einem braunen, soliden Wollenkleid gekommen, die andre in einem schwarzseidenen Fähnchen, das so reizvoll und eigenartig die junge Gestalt umschließt, so reizvoll, daß Gastelmeier das Persönchen wie durch einen leichten Nebel sieht. Es ist ihm selbst nicht recht geheuer. Er wird ihn nicht los, diesen Anblick, ob er ihn vor Augen hat oder nicht. Der arme Gastelmeier ist bisher so gut durchs Leben gekommen und es scheint ihm auch, daß er jetzt noch gut damit auskommt, sogar besonders gut. Sein Lebtag war es ihm klar, daß es mit dem Verlieben eine faule Geschichte ist. Jetzt denkt er nicht daran.

»Da ist niemand, der mich kennt, ich thu' das Maskerl einen Moment ab,« sagt das junge Geschöpf im schwarzseidenen Fähnchen. Gastelmeier blickt traumverloren auf sie, er will den ersten Blick in das enthüllte Gesicht thun.

Sie knüpft an ihrem Lärvchen. Es hängt ihr noch mit dem einen Gummiband, an dem das Knöpfchen ist, im Haar fest. Das Gesicht ist frei. Lebensvolle, brennende Augen schauen in das Getümmel, ganz versunken und benommen.

Im Januar war es, als Gastelmeier nach jenem etwas lebhaften Abend fest entschlossen war, den geistigen Rangierbahnhof so bald als thunlich zu verlassen, und jetzt ist's März und er steckt immer noch dort. Er ist Hausfreund geworden. Das Mädel ist ihm anvertraut.

Seine Kameraden haben die Sache längst durchschaut, haben anfangs geschwiegen, später gelächelt, noch später, zu spät, freundschaftlich gewarnt, dann wieder gelächelt und die Achseln gezuckt. Dem Gastelmeier war nicht mehr zu helfen, er hatte sich fürs erste in der Schlinge gefangen.

»Schau, Friedel, mich kennt erst recht kein Mensch hier, da thu' ich's auch ab. Mich erstickt's halt.«

»Wenn du meinst,« sagte Gastelmeier, und das zweite Lärvchen fiel auch.

Das war die Anna aus Rohrmoos. Gastelmeier aber sah nicht nach ihr. Seine Blicke hingen wie gebannt an dem eigenartig schönen Geschöpf neben ihm, das nur Augen für das Treiben um sich her zu haben schien. Anne sah mit einem langen Blick auf ihren guten Kameraden, mit so einem klaren, festen Blick, in dem deutlich das Bewußtsein zu lesen stand: ›Für dich ist da alles zu Ende.‹