Die rosigen Wangen wurden bleicher, und sie sah nun auch auf das schöne Mädchen.

›So großartig brauchst dich auch nicht zu verhalten, daß du ihn da sitzen läßt, wie einen Narren, du,‹ dachte Anne. Er vergab sich etwas in ihren Augen, daß er sich so verliebt zeigte. ›Ihr thuts euch leicht, ihr Mannsleut,‹ dachte sie wieder und lächelte. Ein Seufzer –

Jetzt, da niemand auf sie achtete und sie so einsam und verlassen neben dem Kameraden saß, den sie ihr Lebtag als von sich untrennbar betrachtet hatte – als einen, dem sie nie einen Namen gegeben hatte, der für das elternlose Mädchen Bruder und Freund war, an den alle schönen Erinnerungen sich knüpften, da konnten ihre Gedanken in dem engen erstickenden Saal nicht mehr bleiben. Sie flogen hinaus in die stille Nacht, weit über die Stadt hinaus in das stille, dunkle Rohrmoos. Da würde es ihr wohler – und weher.

Jetzt kannte sie die Einsamkeit mit einemmal. Die schwere herzbedrückende Einsamkeit. Sie fürchtete sich in ihr altes Heim zurückzukehren, und hier wollte sie auch fort, je eher je lieber – das – nein – das that bis in den Grund der Seele weh, das mit anzusehen – das war menschenunmöglich. Es war ihr gerade, als wenn ihr jemand alle Lichter, die ihre Welt erleuchteten, vor den Augen ausbliese. Es wurde dunkler und dunkler und öder und öder und für immer und ewig. Unter dem runden Marmortisch faltete sie die Hände und saß still und gebeugt, vom Unglück getroffen da.

Einem übermütigen Menschen, der an ihrem Stuhl vorüberging, gefiel das blonde Mädchen und in der Maskenlaune legte er den Arm um ihre Schulter und versuchte sie zu küssen.

Da sprang sie mit einem Schreckenslaut auf und sah ganz entsetzt um sich her. »Herr, mein Gott!« rief sie.

Der Übermütige lachte laut und verschwand mit einem Satz in der Menge, denn Gastelmeier setzte ein sehr würdiges und ernstes Gesicht auf.

»Ach du, gehen wir,« sagte Anna.

»Deswegen?« flüsterte ihr Gastelmeier lächelnd zu. – »Wart' nur, ich paß' besser auf dich auf.«