Annele brach das Gespräch ab und schaute in das Getümmel hinein, als wenn sie etwas sähe; sie sah aber nichts, was um sie vorging, nur immer die eine einzige Öde, in der sie von nun an, wie es ihr schien, für immer zu leben hätte.
»Wie ist denn das mit dem Gerichtsvollzieher?« fragte sie nach einer Weile leise.
»Was meinst du denn?« flüsterte Gastelmeier.
»Sie sagte doch, es käme morgen einer zu ihnen. War das ein Spaß?«
»Unmöglich,« meinte Gastelmeier; bei sich aber dachte er: ›Weshalb nicht. Bei uns geschieht ja allerlei derartiges.‹
»Fräulein Olly,« wendete er sich wieder leise an diese, die eben eine Pause im Plaudern gemacht hatte, »was war denn das vorhin mit dem Gerichtsvollzieher?«
»Was denn? – Daß morgen einer zu uns kommt? – Im Ernst. Er holt nur ein paar Sachen,« sagte Olly seelenruhig. »Wegen der Metzgerrechnung. Der Mensch will nicht länger warten.«
»Ach so,« meinte Gastelmeier mit nicht ganz natürlicher Seelenruhe.
›Diese vollkommene Wurschtigkeit,‹ wie er in seinem Innern sich ausdrückte, ärgerte ihn und doch hatte er wieder ein sonderbares Gefühl der Bewunderung, wenn er an den Riesenfleiß des Mädchens dachte – und an Erwin, den guten Jungen, der wie ein Rasender weiter komponierte an Dingen, die ihm nie ein Buchhändler abnehmen würde, der Rufe aller Art an die Menschheit zur Umkehr in petto hatte, der sich in Romanen empörte, empörte über Dinge, mit denen alle Welt zufrieden war; und mit all dem Fleiß und all dem Hetzen konnten sie nicht ihr ruhiges Stückchen Brot verdienen und zogen wie in eine Glückseligkeit in dieses fruchtlose Treiben auch noch Emil, den armen Burschen, mit hinein. Ollys Talent war auch durchaus nicht brav und den Menschen wohlgefällig. Es war eigenartig, nicht einschmeichelnd.
›Armes Ding,‹ dachte Gastelmeier. Er hätte das schöne, zarte Geschöpf in seine Arme nehmen und sie aus dem seelenverzehrenden Treiben hinaustragen mögen. Er fühlte sich so ganz als den typisch starken Mann und sah in ihr das typisch schwache Weib. Wohin sollte der jetzige Zustand führen? Er sah sie in Not und Elend, den zarten Körper gebrochen von Überarbeitung, Hunger und Elend – und er konnte sie sich doch nicht mutlos vorstellen, und nicht ohne Feuer und Lebenskraft. Er sah sie in allen Lagen und er konnte sie sich nicht gedankenlos und nicht schlecht vorstellen und auch nicht verzagt. Noch nie hatte ein Weib ihn so erregt, noch nie hatte er über ein Weib so nachgedacht, das Geistige so empfunden. Bisher hatte nur Frische der Jugend auf ihn gewirkt. Aber hier – ja, die Jugend liebte er auch hier; aber dieser junge, schöne Körper schien die leichte Hülle von etwas ihm Unbekanntem zu sein, das hier für ihn zum erstenmal das Körperliche durchleuchtete.