Ja, zum erstenmal. Bisher waren für ihn alle Weiber Körper mit etwas Herz gewesen, mit so viel Herz, als gerade notwendig – und dies Herz war ihm als etwas unsäglich Langweiliges erschienen. Und nur das ganz junge Weib war für ihn Weib; wo er diese Jugend nicht mehr antraf, war für ihn auch das Weib nicht mehr vorhanden, etwas Andres war an dessen Stelle getreten, etwas Unerfreuliches. Seine Mutter hatte er geliebt, weil sie eben seine Mutter war. Annele war ihm lieb, weil sie zu ihm gehörte. Ein fremdes Volk waren sie ihm alle gewesen, eine unter ihm stehende Menschenkaste, etwas, was ihn vorderhand gottlob nichts anging, von dem er sich aber Ideale zu machen liebte, an die er selbst nicht recht glaubte. Und das Ideal, das er sich gemacht hatte, pfropfte er allen auf, mit denen er in Berührung kam. Auch hier bei Olly wollte er es versuchen, aber er wußte nicht recht damit fertig zu werden. Die Pflanze war ihm zu fremd.
Übrigens hatte er sich diesen Abend anders vorgestellt. Das Mädchen hatte nur Augen für das, was um sie her vorging, und er hätte sich gerade vor Annele gern zeigen wollen. Daß Olly ihm soweit gut gesinnt war, wußte er, und so ein Abend war eigentlich die Gelegenheit, seinem freundlichen Verhältnis zu ihr eine etwas andre Richtung zu geben, eine Richtung, die er sehnlichst herbeiwünschte. Als sie bei einander saßen und der Strom immer neuer Masken sich an ihnen vorüberwälzte, wendete sich Olly zu ihm, nachdem sie längere Zeit stillgesessen, und sagte: »Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Gastelmeier.«
»Nun?« fragte Gastelmeier gespannt. Er war wie elektrisch geladen, jede Verbindung mit Olly ließ ihn Funken sprühen, die ihm das Herz für einen Augenblick erleichterten.
»Führen Sie uns in die Zentralsäle. Ich muß das auch sehen.«
Da war es ihm aber, als habe er einen Schlag ins Gesicht bekommen. Das hätte sein Ideal, das er sich vom Weibe gemacht hatte, nie gesagt. Sein Ideal hätte überhaupt nichts davon gewußt, daß Zentralsäle existieren, wenigstens von jenen Faschingsbällen hätte es nichts gewußt, und hätte es etwas gewußt, so hätte es dies doch nie und nimmermehr einem männlichen Wesen eingestanden.
Aber Olly kümmerte sich um sein Ideal, wie es schien, nicht im geringsten. »Kommen Sie,« sagte sie eifrig.
»Nein, Fräulein Olly, das geht nicht,« antwortete er, nachdem er sich von seinem Schreck erholt hatte, »und ich muß mich wundern, wie Sie überhaupt auf diese Idee kommen.« Er setzte eine gewissermaßen väterlich würdige Miene auf.
»Sie sind etwas begriffsstutzig, mein Herr!« sagte Olly komisch und ungeduldig. »Ich möchte wissen, wie oft ich es Ihnen erklären muß.«
»Ach so,« meinte Gastelmeier, der die Künstlerschaft Ollys immer vergaß; daß ein Weib noch etwas andres als Weib sein könnte, war ihm noch zu neu. Diesmal sah er es, mochte es nun sein wie es wollte, für seine Pflicht an, Ollys Wunsch nicht zu erfüllen. Das war ja überhaupt kein Wunsch, der zu berücksichtigen wäre. Ins Gesicht hätte er sich schlagen müssen, wenn er ein junges, unschuldiges Mädchen aus anständiger Familie zu einem solchen Ball hätte führen wollen, er, Gastelmeier!