»Gelt, du bleibst drin, sonst erschrickt sie,« flüsterte sie ihm zu und stapfte gleich darauf durch den Schnee.
Der kleine Schatten verschwand nicht.
»Da haben wir Sie doch eingeholt,« sagte Annele und legte ihr den Mantel um die Schulter. Sie fühlte dabei, wie der zarte Körper zitterte.
Olly sprach kein Wort. Die beiden Mädchen gingen miteinander dem Wagen zu und auf diesem Weg sagte Annele zu ihrer Begleiterin: »Seien Sie nicht bös auf ihn. Feuer im Herzen, Rauch im Kopf. So steht's, glaub' ich, mit ihm.«
Olly erwiderte nichts, aber sie zuckte leicht zusammen. Von Mama und Tante Zänglein hatte sie schon manche Anspielung hören müssen. Sie hatten ihr von Gastelmeiers soliden Verhältnissen gesprochen, von dem Glück für die Familie. Die Mama hatte bei diesen Andeutungen gestrahlt. Sie hatten Olly damit gereizt und erregt. ›Geld ins Haus! Geld ins Haus! Das ist's im Grunde doch, was sie alle wollen. Das allein!‹ hatte sie zornig gedacht. ›Wie wenig ernst ist es ihnen allen mit der Kunst, und Mama am wenigsten, trotz ihrer vielen Worte, trotzdem sie uns hineingesetzt hat!‹ – ›Und, du wirst ruhig bei ihm Künstlerin bleiben dürfen – das ist auch zu bedenken,‹ hatten sie ihr gesagt. ›Geld ist genug dazu da, Verliebtheit auch. So etwas trifft sich nicht leicht wieder.‹ Das war Tante Zängleins Stimme, die das gesagt hatte.
Als sie in den Wagen stieg, half ihr eine Hand, die sie zart und schüchtern berührte, so zart und vorsichtig, als wenn sie eine Puppe oder ein Heiligtum wäre, und der zarte Griff dieser Hand that ihr wohl, trotzdem sie noch voller Zorn war. Sie fühlte sich mit einemmal so geborgen wie nie in ihrem Leben.
»Bring' sie nur hinauf,« sagte Annele, als der Wagen in der Blütenstraße hielt. »Mich führt der Kutscher ganz sicher nach Haus.«
Und als die Hausthüre hinter den zweien sich geschlossen hatte, fuhr die dritte einsam dahin mit einem Herzen, das zum zerspringen voll Leid war, und ging dann eine finstere Treppe hinauf und in das Gaststübchen ihrer alten Tante, bei der sie die letzten Faschingstage einlogiert war, und in diesem Stübchen verbrachte sie eine bittere, schwere Nacht.
Eine Nacht, anders wie jede andere Nacht ihres Lebens, verbrachte auch Olly, eine Nacht des Überlegens und Forschens, des Erwägens. Das kam diesem Kopf befremdlich vor, über Lebensfragen zu brüten.