»Er versteht mich nicht,« sagte sie sich und lag mit weit offenen Augen im Bette. »Aber er ist gut und hat mich lieb. Es scheint, die Menschen verstehen einander überhaupt gar nicht. Mama – versteht die mich etwa, oder Erwin oder Emil? Tante Zänglein? Das darf man scheint's nicht erwarten, das Verstehen. – Möchte wissen, wer einander versteht.«

Seine Stimme hatte sie von Anfang an gern gehabt. Und wie er sie heute angefaßt hatte, um ihr in den Wagen zu helfen, das hat ihr tiefen Eindruck gemacht, wie zart, wie freundlich, wie … ja, wie denn? Niemand hatte sie noch so berührt, da lag alles darin in dieser Berührung, auch die Bitte um Verzeihung und eine große Liebe, und daß sie für ihn etwas Wertvolles sei, – ja, ganz wie sie zuerst gedacht hatte, daß sie für ihn ein Heiligtum sei. Wie ihr das den ganzen Körper wie mit Wohlbehagen durchrieselte: Jemandes Heiligtum sein!

Er würde auf den Knieen vor ihr liegen – nein – das würde er nicht thun – gewiß nicht. Wie lächerlich müßte das auch aussehen! Sie würde ihm dann gerade auf sein Glatze sehen.

Als er mit ihr die Treppe hinaufgegangen war, hatte er ihr mit einemmal beide Hände geküßt, mitten auf der Treppe. So ein verliebter Mann ist komisch. – Aber das mißfiel ihr nicht an ihm. Es war so angenehm komisch. Sie sah ihm gern zu.

›Ja, wenn er mich bei meiner Arbeit läßt, wenn es so bleibt, wie es ist – beinah so – dann … ja dann. Von daheim fort? – O ja, weshalb nicht?‹ dachte sie.

Sie fühlte, daß es ihr nicht schwer wäre. Sie würden miteinander nach Paris reisen, und sie würde eine Zeit lang dort lernen. – Herrgott, das hatte sie immer so brennend gewünscht. Dort konnte sie finden, was ihr noch fehlte. Schade, daß die zu Hause es gar zu gern wollten – schade.

Weshalb dies schade sei, war ihr nicht ganz klar, aber es war schade. Es war ihr, als wenn ein Reiz fehlte, und sie suchte diesen Mangel darin, daß sie mit ihrem »Ja« Wünsche der Familie erfüllte, die ihr selbst nicht aus der Seele gesprochen waren. Wo etwas herausschaut – das ist immer das beste. Geld ins Haus! Das lag verdeckt von großen Worten über allem, was sie leisteten und thaten. Das war die Triebfeder für das hetzende Treiben im ganzen Haus, der Grund des litterarischen Martyriums von Erwin, der Grund, weshalb Emil mit in das Elend gezogen wurde, weshalb die Mutter Olly ihr Lebtag gesteigert und zum Fleiß angefeuert hatte. Noch immer das leichteste, nobelste Mittel, Geld zu verdienen, sah die Mama in der Kunst. Der Gelderwerb war's; sie hofften, mit all der Qual Geld zu verdienen!

Das hatte Olly schon längst herausgefühlt, das war's, was sie empörte, was sie den Ihrigen entfremdete. Ihr war karg leben kein quälender Gedanke, – gar nicht. Den Ihrigen war er entsetzlich.

Sie sah das strahlende Gesicht der Mutter bei einer gewissen Nachricht und fühlte einen zornigen Ärger.