V.

Alles war nun schon vorüber, alles Erwarten, unendliche Naivetäten und Thorheiten, ein gut Teil Kämpfe, Enttäuschungen, Braut- und Bräutigamsstimmung. Sie hatten im Mai, zur größten Zufriedenheit der Familie in der Blütenstraße, geheiratet – und nun war es schon Weihnachten, der Sommer war vorüber und mit dieser Wandlung waren allerhand menschliche Wandlungen vorgegangen.

Wie einen Traum hatte sie Verliebtheit, Verlobung und die Hochzeit über sich ergehen lassen. Es hatten ihr Betrachtungen gefehlt, die ein ganz in gesunden Verhältnissen stehendes Mädchen gemacht haben würde, es hatten ihr auch die süßbräutlichen dämmerhaften Gefühle gefehlt. Sie hatte bisher eine Sehnsucht nach Liebe kaum empfunden. Ihre Seele war immer ausgefüllt gewesen, so ganz und voll ausgefüllt. Diese »Liebesgeschichte«, wie sie sich in ihren Gedanken ausdrückte, war eigentlich etwas Unnötiges. Sie fand kaum Platz in ihr.

Während der ganzen Zeit ihrer Verlobung war sie einen Druck, der über ihrem Gemüt lag, nie ganz losgeworden, so einen etwas bangen Druck, wie sie ihn früher wohl ähnlich nach einem übereilten Kauf empfunden hatte. Dies Gefühl war ihr bekannt genug, denn so lange sie denken konnte, war jedesmal, sowie sie Geld hatte, etwas gekauft worden, für das sie eigentlich keine Verwendung fand.

Während der Zeit ihrer Verlobung hatte sie auch öfter einen Traum gehabt, den sie hin und wieder träumte, immer, wenn ein Besitz sie bedrückte: Räume voll Sachen, voll lauter Sachen und Lumpen. Alles vollgepfropft, von oben bis unten – beängstigende Massen, und alles ihr gehörig, und sie sollte es unterbringen und ordnen. Die Sachen quollen und quollen und wurden mehr und mehr. Sie wußte sich nicht zu raten und zu helfen. Die Lumpenmassen wuchsen um sie her und verbauten ihr Licht und Luft, es wurde enger und enger, sie erdrückten sie.

Das war ein Traum, der die kleine Tagesempfindung ins riesenhafte verzerrte. Und sie erwachte nach diesem Traum immer seelenbedrückt und erschüttert von einem unbestimmten Grauen. Es fiel ihr auf, daß sie diesen Traum während ihrer Verlobungszeit öfters hatte; aber sie dachte nicht darüber nach. Sie war eben noch gar nicht dahingekommen, über das Leben nachzudenken. Es kam, wie es ihr schien, alles von selbst, und machte sich alles von selbst, es lebte sich von selbst. Ihre Gedanken gehörten alle ihrer Kunst; da waren sie geschäftig wie die Ameisen, da bauten und bohrten sie und arbeiteten und kämpften. – Um das Leben? Hatte sie diese Verlobung erstrebt? Nie! Und sie hatte sich gemacht.

Es waren alle möglichen Annehmlichkeiten gekommen. Olly war mit einemmal wie in eine leichtere heitere Luft versetzt. Blumen – überall Blumen für sie. – Jedermann war mit ihr, als wäre sie neugeboren, ganz anders als mit der unverlobten Olly. Man hörte mehr auf sie. Auf ihre Wünsche wurde Rücksicht genommen, so wie früher, wenn sie ihren Namenstag hatte. Und er? Daß ein Mensch so ununterbrochen gut und glückselig sein konnte, so ein Mensch mit einer Glatze! – und wegen ihr! – Großer Gott, wegen ihr?

Sie träumte das Leben. Es war noch kein Leben aus Fleisch und Blut. Während der ganzen Verlobungszeit blieb sie bei ihren festen Arbeitsstunden und duldete auch nicht, daß Gastelmeier früher aus seinem Atelier kam, um ganz still und artig hinter ihrem Stuhl zu sitzen und ihr bei der Arbeit zuzuschauen. Sie wollte das nicht.