»Keine Eingriffe, nein, nein, keine Eingriffe in mein Recht!« sagte sie ihm dann lachend. »Du weißt es ja – die Bedingung: wir heiraten einander – du weißt doch unter welcher Bedingung?« Dann sah sie fragend und gespannt auf ihn. »Daß ich bei dir arbeiten darf?«
Sie wollte ihre Antwort.
Und er schloß sie in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen. »Freilich, freilich, mein Schatz,« sagte er und dachte wohlgelaunt und leichten Herzens: »Laß nur erst einmal alles kommen, was kommen wird.«
Er dachte an ihr erstes Kindchen und sah ein Bild vor sich, so unbeschreiblich entzückend für ihn, daß er das Mädchen gar nicht aus den Armen ließ. Er sah im Geiste, wie warm, wie mütterlich diese jungen, dunkeln Augen einmal glänzen würden. Er wollte ein Heim haben! ein Heim! so warm, so sicher – so ganz nach seinem Sinn. Er wollte sie verpflanzen, dieses blumenhafte Wesen. Sie sollte gedeihen in einer besseren Luft, in gesunden Verhältnissen, bei ihm, im Schutz seiner Liebe.
Er wollte sie einer verzehrenden Zukunft entreißen. Er dachte: ›Wenn ich sie nicht heiratete – was würde wohl aus ihr? Fände sich einer, der den Mut hätte, sich mit diesen Leuten, dem Mädel zulieb, zu verschwägern? Und wenn sich keiner fände, würde wirklich diese Kunst sie beglücken können, diese wütende Kunst, wie sie sie auffaßt, die keinen Frieden und kein Genügen kennt? Und wenn die Arbeit mit dem Erfolg in keinem Einklang stünde? Würdest du die Kraft haben, armes Geschöpfchen?‹ dachte er zärtlich, ›und Entbehrung und ewige Kargheit?‹
Er hielt sie immer noch an seinem Herzen und streichelte ihr, ganz gerührt über sich und sie und alles, den krausen Kopf. O, sie sollte es gut haben und er wollte es gut haben. Die zu Hause sollten wahrlich nicht recht behalten mit ihrer Unzufriedenheit. Wenn ihm Annele nicht beigestanden hätte, er wäre mit seinem guten Alten wegen dieser Verlobung in Unfrieden gekommen.
So aber war der alte Frieden halbwegs erhalten geblieben.
Am Hochzeitstag während der Trauungsrede – als ihr der Geistliche mit ernsten, schweren Worten kam, mit Worten, die so schroff und fest wie Felsen standen, so düster und fremd, die sie mit dem heitern, harmlosen Wesen, das die ganze Sache bisher für sie gehabt hatte, gar nicht in Einklang bringen konnte – da war sie innerlich erstarrt vor Schreck und Grauen. Was hatte sie eigentlich gethan? Was für ein furchtbarer Schritt war das? Weshalb hatte man nicht früher mit ihr so gesprochen, als es noch Zeit war? Weshalb nicht? –
Eine unnennbare nervöse Angst hatte sie gepackt. Ihr schwindelte; durch den weißen, duftigen Schleier, der ihr halb übers Gesicht fiel, sah sie wie durch einen weißen Nebel die Gestalten der Hochzeitsgäste, sah ihre Mutter fassungslos in Thränen aufgelöst, so haltlos wie immer; das verblüffte Gesicht Emils – und Erwins Gesicht, dieses kraftlose Gesicht, und Tante Zänglein, die sich immer amüsierte – und die fremden Verwandten.