Kühle Gesichter. – Annele war die einzige, die sie nicht sehen konnte. Da war kein Gesicht, das ihr gesagt hätte: Komm her zu mir, ich will dich erquicken, ich will dir helfen, – keins.

Der Mann neben ihr? Das war ja das Schreckliche! Wie standen sie zu einander? Unzertrennlich! – Er gehörte zu ihr für ewig und sie zu ihm – und noch nie war er ihr so fremd erschienen. Sie erschauerte und zitterte und wollte sich stützen, – aber nicht auf ihn, auf sich selbst – und sie hielt sich fest und krampfhaft mit eigenen Kräften. »Nein, ich will mein eigen sein,« flüsterte sie unhörbar, unbewußt – und er zog sie zu sich heran, weil er mit Schrecken ihre tiefe Blässe gewahrte, und wieder war es die sanfte, liebevolle Art sie zu halten, die ihr dabei Trost gewährte. Aber er hielt sie nun doch als sein Eigentum, so oder so.

Eine unnennbare Furcht hatte sich ihrer bemächtigt, eine Furcht vor allem, was kommen sollte – und ein Zorn darüber, wie man sie hatte hinleben lassen bisher, wahrhaftig ohne ein einziges vernünftiges Wort! Nie den Kern berührt, immer gedankenlos! Und nun kamen diese Gedanken, diese nie berührten Gedanken, diese dunkeln Ahnungen, diese Furcht, dieses Bangen, durch düstere fremde Worte geweckt. Auf Orgeltönen kamen sie heran, schwer, mächtig, erdrückend, in wüstem Durcheinander – und schwollen an wie Wasserwogen, und stiegen ihr bis ans Herz und höher und höher, bis zum Ersticken.

Dann war Stille. – Die Feier war zu Ende, Küsse und Thränen, feierliche, sachgemäße und gerührte Gesichter, ein Weinkrampf der Mama, so ein Durcheinander von unklaren Äußerungen aufgeregter Gefühle – und sie hing am Arm ihres Mannes, der diesen Arm fest an sich gedrückt hielt. Es war alles wie ein wirrer Traum, so bang, so wesenlos.

Sie aber wollte eine Gewißheit, eine einzige Gewißheit in diesem Gefühlsüberschwall, und sie neigte sich zum Ohr des tiefbewegten Mannes und flüsterte ihm erregt zu: »Eins sag mir – nur das eine: Läßt du mich arbeiten? Bleibt's dabei?« Sie fragte so angstvoll.

»Olly,« hatte er ganz erstaunt geflüstert, »Kind! Weißt du jetzt nichts andres; weißt du wirklich jetzt nichts andres?«

»Nein, antworte,« bat sie flehentlich.

»Arbeite,« sagte er, »so viel du willst, weshalb nicht?«

Es war nicht, was sie hören wollte. Das rechte Wort war es nicht. Aber was war das rechte Wort? Sie hätte es selbst nicht gewußt. Sie wollte Lebensklarheit – und Lebensklarheit war ihr nur das eine, ihre Kunst. Ein Weg, den sie gehen konnte, der sie ihrer Kunst näher und näher führte – und was hatte sie gethan! – Hindernisse über Hindernisse sich selbst aufgetürmt, in einem Rausch des Wohlbehagens. Es hatte ihr das »Geliebtsein« wohlgethan. Die herbe Luft um sie her war mit einemmal frühlingsweich geworden; ihr war zu Mute gewesen, als wäre sie durch seine Liebe etwas Besseres geworden, etwas Zarteres, und das alles ohne daß sie selbst diese Liebe recht erwidert hatte. Sie hatte sie geduldet, sie war ihr angenehm.