Und nun, welche Verantwortung, welcher Schritt! Wie ein Schleier war es ihr von den Augen gefallen. Dumpf, in Gedanken versunken, saß sie damals neben ihm im Wagen, der sie von der Kirche in die Blütenstraße zu den Gästen zurückführte – dumpf und grübelnd ohne jenes bräutlich-süße Glück, das ihr junger Gatte in ihrem Schweigen vermutete und anbetete.

Die sonderbare Frage nach der Trauung lag ihm aber trotzdem schwer im Sinn. ›Was sollte das sein?‹ dachte er bei sich. ›Weshalb fragte sie gerade das und nichts andres? Was dachte sie sich wohl dabei?‹ Forschend blickte er auf das schöne, bleiche Geschöpf neben sich, das in seinem weißen Kleide, wie es ihm schien, scheu und zaghaft in den Wagenkissen lehnte.

Er selbst hatte ihr den Stoff zu diesem weißen Kleide geschenkt und sie, die kleine Person, hatte ihn sich selbst zugeschnitten, diesen kostbaren Stoff! Und die flinken, verwegenen Hände hatten etwas zu stande gebracht, was so wenig einem ehrbaren steif-jungfräulichen, weiß-atlassenen Brautkleide gleichsah – etwas so wunderlich Reizvolles, etwas so leichtmütig Lebensfrohes, was sich dem jungen Körper wie zu ihm gehörig anschmiegte: weite Ärmel, die im Rücken zurückgenommen waren, die Taille lose wie nur umgesteckt, aber das Ganze von einer reizenden Eleganz und Lebensfreudigkeit – alles, nur kein Brautkleid. Und wie es genäht war! Annele hatte sich darüber etwas ausgelassen. Kein Mensch außer Olly hätte es tragen können. Tante Zänglein hatte sich über den »Lumpen,« als sie es liegen sah, totlachen wollen, wie es Olly aber trug, sagte sie: »Alle Achtung! Aber – aber – aber – aber.« Weiter hatte sich Tante Zänglein über diesen Fall nicht vernehmen lassen. Sie hatte bedeutungsvoll das Näschen kraus gezogen, mit den Äuglein gezwinkert, wie sie es immer that, wenn etwas sie alterierte und zugleich amüsierte.

Später aber hatte sie sich doch nicht enthalten können, ihrem Freund Gastelmeier bei Gelegenheit zu sagen: »Haben Sie sich Olgas Brautkleid angeschaut? Da steht eine ganze Geschichte darin und darum und daran. Lesen Sie nur: – künstlerisch. Wenn's gut geht wird's ein sehr lustiger Haushalt! – und eine Frau, ein Engel von einer Frau, leichtlebig, lieb, voller Einfälle, ganz köstlich! Wenns Ihnen glückt, verliebt, und wie verliebt! Ja, solche Frauen, wenn s' erst erwacht sind, verstehen Sie? Aber, aber – Temperament ist in dem Kleid, sind Sie dem gewachsen? Glückssehnsucht zum Närrischwerden – künstlerisch – das ist das erste. All diese lustigen Dinge miteinander verbrennen die Suppe, und Gott gnade der ganzen Geschichte! – So geht's wenn's lustig geht und Geld da ist; aber der Himmel behüt' Sie, wenn's nicht lustig geht. Wissen Sie, ich habe schon manche Brautkleider gesehen.« Sie zwinkerte mit dem Äugelchen und zog das Näschen kraus. – »Aber so eins!«

Gastelmeier hatte noch nie so ein allerliebstes altes Geschöpfchen gekannt. Er ließ sie immer plaudern, ohne sie ernst zu nehmen. Ihr langer Reisegefährte, der mit ihr nach Italien gehen sollte, um ihr vorzujodeln, nannte sie das alte Nixerl. Das gefiel Gastelmeier.


Damals, als Olly in ihrem Mädchenstübchen das Brautkleid ablegte, um sich für die Hochzeitsreise anzukleiden, hatte sie die Thüre hinter sich geschlossen. Es war in der Stunde der ersten Mai-Abenddämmerung. Ganz gelassen rückte sie ihren Toilettenspiegel zur Hand, ließ sich auf einen Stuhl davor nieder und nahm langsam Kranz und Schleier aus dem Haar. Ein Spitzenkragen lag reich gefaltet um ihren Hals und ließ den Ansatz dieses schönen Hälschens frei. Sie faltete die Hände ineinander und sah ihr Spiegelbild an. Das Licht war weich und golden.

»Doch ein herrliches Geschöpf!« sagte sie und war im eigenen Anblick ganz versunken. »Schade – das ist's – schade.« Sie träumte und grübelte und sah unverwandt sich selbst im Spiegel an. Sie hatte das früher oft schon gethan und immer in aller Gemächlichkeit, einfach ohne alles Verstecken. Sie liebte ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre Hände. – Es war ihr das alles sympathisch und sie hatte sich dankbar ihrer Schönheit gefreut. Diese Schönheit war ihr Eigentum. Sie kannte sie und wußte sie zu beurteilen. Wie ein Kunstwerk betrachtete sie sich selbst. Für dieses Gesicht hatte sie in stillen Stunden alles Glück der Erde zusammengeträumt.

Ruhm – das war das erste. Wie sie danach dürstete! Wie würden diese Augen blicken, dann, wenn das Große geschehen sein würde, wenn Ruhm und Ehre ihr erst zugefallen waren! Ruhm, das was man Ruhm nennt: von den Menschen gekannt und bewundert zu sein! Den einzigen Lohn für das heiße Streben! Und weshalb nicht? Was waren sie alle, die mit ihr arbeiteten, die mit ihr begonnen hatten, gegen sie! Sie war ihnen allen voraus, weit voraus. Aber man lebt wie im Traum, die Dinge verwandeln sich einem vor den Augen wie im Traum – und wie in einem solchen Traum war es geschehen, daß sie neugierig und leichtsinnig hatte versuchen wollen, wie das Geliebtwerden der armen Seele thut – das Geliebtwerden! Und so war sie dumpf diesem Wunsche gefolgt, Schritt für Schritt, und es war alles in schönster Ordnung vor sich gegangen und doch alles im tiefsten Traum.