Die dumpfen Orgeltöne, die schwerwiegenden Worte brausten ihr immer noch im Kopfe. Die Verantwortung lag auf ihr, die war nicht abzuschütteln – der nüchterne Mann mit der Glatze, den glückstrahlenden Augen, den fidelen Bewegungen, der war nicht mehr von ihr fortzudenken. Sie war nicht mehr allein. Schrecklich! Wie es sie durchrieselte!
Sie schaute unverwandt ihr Spiegelbild an. Wie blaß sie war! Einen gespannten Zug um die Lippen, die Augen so weich und groß, wie nach Hilfe ausschauend. Sie beobachtete diesen Ausdruck wie etwas Fremdes.
Wie unverantwortlich hatte sie gehandelt, wie thöricht! Welche Last hatte sie auf sich genommen, und weshalb?
Es war der Herzenszug nach Zärtlichkeit gewesen, der sie dazu getrieben – auch dumpf – kaum bewußt.
Sie liebte eine süße ruhige Zärtlichkeit. Niemand von den Ihrigen hatte es verstanden, ihr die zu gewähren. Hätte sie jemand zu Hause in der Dämmerstunde an sich gezogen und sie zart geliebkost, wie man ein Kätzchen auf den Schoß nimmt und streichelt, dann wäre das Sonderbare nicht geschehen – vielleicht nicht geschehen, daß des kleinen Mannes weicher Händedruck, das Von-ihm-berührt-werden, als wäre sie ein Heiligtum, ihr das Herz geschmolzen hätte.
Aber diese Heiligtumszärtlichkeit hatte sie an ihm während ihres Brautstandes vermißt, diese schützende schirmende Zärtlichkeit. Heiße Küsse, stürmische Liebe, das war es nicht, wonach ihr Herz verlangte, nein, jener weiche Hauch der Zärtlichkeit, der fast geistig ist, der Leib und Seele verklärt, das war es.
»Unbegreiflich!« sagte sie zu sich selbst. Und jetzt sah sie ein Aufleuchten in ihren Augen. Das innere Seelenfeuer, das sie wohl kannte, bei dessen Flackern sie sich glücklich, groß und stark gefühlt hatte. Durch alles und über alles hinaus ans Ziel! Ist die Last des Lebens größer geworden, dann soll es auch die Anstrengung werden, der Kampf auf Leben und Tod.
»Es nützt dir nichts, du guter Mensch,« sagte sie, »daß wir jetzt nicht nach Paris gehen; du willst eine echte rechte Hochzeitsreise, und fürchtest dich, daß eine gewisse Olly … Jawohl, wir kennen dich! Das mit Paris versprachst du – und hast's gebrochen, das heißt, du hast's verschoben, du kluger Mensch!« Sie lächelte. »Das hilft dir alles nichts. Nach Paris kommen wir noch, und glaub' ja nicht, daß ich von meinem eigensten Weg abweiche – nein, nein, mein Junge!«
Da stand sie auf und legte langsam Stück für Stück ihres Brautschmuckes ab. Lächelnd sah sie die zusammengeheftete Taille an, die großen weiten Stiche. »Stimmt,« sagte sie, »leichtsinnig zusammengeflickt. Riesig leichtsinnig!« – Sie legte die Taille achtlos beiseite. »Aber schlecht bin ich nicht,« sagte sie nach einer Weile ernst, »was ich thun kann, thue ich. Du weißt nicht, was du dir geheiratet hast, du guter Mensch; aber so schlimm, wie's werden könnte, soll's weiß Gott nicht werden, das schwör' Ich dir, hier mit mir allein schwör' Ich dir das.«