Das sagte sie ernst und rückte ihren Spiegel beiseite, um in dem engen Zimmer mehr Platz zum Ankleiden zu bekommen.
Wie schon gesagt, feierliche und thörichte Stunden, Stimmungen aller Art, zärtliche und wehmütige Flitterwochenstimmungen, Verdruß und Versöhnung, auch Langeweile und Kummer, alles, was ein junges Paar in der ersten Zeit der Ehe durchzuleben hat, lag mit dem ersten Sommer ihrer Ehe hinter ihnen.
Sie hatten Erlebnisse aller Art hinter sich. Gastelmeier meinte, in sechs Jahren sei bei ihm bisher nicht so viel passiert, wie in den sechs Monaten seit seiner Verheiratung, lächerlich viel!
Auf der Hochzeitsreise hatte er sich vorgestellt, daß er nach Herzenslust bummeln würde und sie mit ihm; er hatte sich aber geirrt. Sie hatte angestrengt gearbeitet von früh bis zum Abend, Tag für Tag, unermüdlich. Sie waren miteinander am Morgen mit ihren Malgerätschaften ausgerückt und er hatte zum erstenmal im Leben Gelegenheit, den bedürfnislosen, unzerreißbaren Fleiß gewisser Frauennaturen zu beobachten, ihr Nicht-rechts-und-links-schauen bei der Arbeit. Freilich, lieber hätte er diese Beobachtung nicht gerade jetzt an seinem eigenen jungen Weibe gemacht. Unendlich viel lieber wäre er mit ihr bergauf und bergab vogelfrei in die schöne Welt gezogen; aber da war etwas, das seinen Willen brach, etwas Unbezwingliches. Ein paarmal hatte er es durchgesetzt: sie waren miteinander gewandert, aber es war nicht die rechte Freudigkeit dabei gewesen. Sie war auch nicht besonders gut zu Fuß, ermüdete schnell und schien bei allem, was sie sah, präoccupiert zu sein. Sie genoß die Natur nicht naiv und einfach, verarbeitete im Geiste immer was sie sah und war immer von dem Triebe erregt, wie sie wiedergeben würde, was sie sah. Sie kannte kein Ausspannen, kein Vergessen. Wenn ein Weib sich einer Sache wirklich hingiebt, giebt sie sich grenzenlos hin. Das liegt in der Natur des Weibes: sie giebt sich der Kunst hin, wie sie sich der Liebe hingiebt, auf Tod und Leben!
Er hatte es sich nicht vorstellen können, daß Olly diese Arbeitskraft hatte, und doch, wenn er sah, wie sie vorgeschritten war in ihrer Kunst bei ihrer rührenden Jugend, so mußte er an heiße Arbeitsstunden, an einen heiligen Eifer glauben. Wie hatte er selbst mit zwanzig Jahren sich behaglich an das Studieren gemacht! Was war er mit zwanzig Jahren gewesen, was hatte er gekonnt? Mein Gott, wenn er sich mit Olly verglich! Er hatte arbeiten, aber auch das Leben genießen wollen. Das ganze Leben lag damals vor ihm. Er konnte wie ein Verschwender damit umgehen und hatte es gründlich gethan – und hier bei diesem jungen Weib war ihm zu Mute, als arbeite sie wie ein zum Tode Verurteilter, der ein großes Werk noch zu guter Letzt mit Hangen und Bangen zu stande bringen will. Ja, so war es; er hatte diesen peinigenden Eindruck von ihrer Art zu arbeiten. Dabei war sie liebenswürdig, geduldig, war sein süßes, kleines Weib. Er fühlte sich in keiner Weise enttäuscht. Er hatte ihr nichts vorzuwerfen. – Doch! Sie war ihm gewissermaßen fremd geblieben. Er gewöhnte sich nicht an sie. Sie erregte ihn. Sie war das Weib nicht, das in der Person ihres Mannes aufgeht.
In der ersten Zeit ihrer Ehe sagte er manchmal zu ihr: »Wenn ich dich doch einmal ganz hätte – deine ganze Seele und deine Gedanken! Du bist nicht wie eine verheiratete Frau, sondern wie ein leichtsinniges Mädchen, die im Arme des einen an den andern denkt. Dieser andre ist deine Kunst.«
»Du wußtest es ja,« erwiderte sie ihm darauf. – –
In München hatten sie sich ein Nest eingerichtet, ein Atelier und ein paar Zimmerchen. Sie wollten beide in demselben Atelier arbeiten so lange, bis einmal die Einnahmen reichlicher flössen. Vor der Hochzeit war das Nötigste besorgt worden, aber erst nach ihrer Zurückkunft von der Reise machten sie sich daran, das neue Heim behaglich auszustaffieren. Olly schien dies wirklich Vergnügen zu machen. Sie stöberte alle möglichen Dinge auf, die andre Leute nie finden, zahlte auch nicht unvernünftig, und Gastelmeier war glückselig, wie klug sie sich der Sache annahm; aber eilig geschah alles, sie wirtschaftete von früh bis abends, rannte zu den Antiquaren, es war kein Halten. Es läutete alle Nasenlang, und Dienstmänner brachten etwas angeschleppt; es polterte, hämmerte unaufhörlich, als wäre kein Augenblick Zeit zu verlieren.
»Sag einmal, mein Schatz, weshalb denn so eilig?« fragte Gastelmeier.