»Ja, sieh sie dir nur an,« meinte der Alte.

Da lachte das Mädchen. »Friedel, nu schau, der möcht' mich dir anpreisen! – Ja, du,« wendete sie sich zu ihrem Onkel, »so eine Almkuh, wie du sagst, die ist nicht jedermanns Geschmack. Laß ihn nur – der geht seinen Weg auch ohne dich und ohne uns.«

Die Mutter war, während ihr Mann mit dem Jungen sprach, den eigenen Gedanken gefolgt. Sie hatte gedacht, daß er in diesem Zimmer geboren war, an die Jahre, während denen sein Bett neben dem ihren gestanden hatte. Sie empfand in der Erinnerung den weichen frischen Körper und wie er zu ihr jeden Morgen ins Bett gekrochen war, wie sie ganz eins sich mit ihm gefühlt hatte, wie er sie geliebt hatte, wie sie sein alles gewesen, – wie alles dahingeht.

Sie dachte daran, wie so nach und nach und doch fast mit einemmal seine Schultern mager, seine Beine lang und dünn wurden, nur das Hälschen blieb weich wie ein Maulwurfsfellchen, noch lange Zeit. Wie er ihr fremd wurde, auch nach und nach, und doch in der Erinnerung wie mit einemmal; wie sie den geliebkosten Körper gar nicht mehr kannte, gar keinen Teil mehr an ihm hatte, wie seine Augen ihr fremd wurden und auch sein Herz.

Und wie er ganz aus dem Hause kam, nur hin und wieder heimkehrte, immer ein andrer mit neuen Erlebnissen – immer derselbe, ihr Friedel, ihr lieber kleiner Friedel, den sie zaghaft an das Herz drückte. Sie wußte nicht mehr, was an ihm ihr eigen war und wußte nur das eine: sie liebte ihn und hätte ihn mit Freuden überschütten mögen. Sie war stolz auf ihn; aber was ihn so recht freute, so recht glücklich machte, das wußte sie nicht und konnte es sich nicht vorstellen.

»Friedel,« sagte die Frau mit einer eigentümlich befangenen, fast schüchternen Stimme, die mit ihrer kräftigen starken Erscheinung nicht in Einklang stand, »du gehst deine eigenen Wege, Gott giebt ja manchen Menschen eine Gabe, von der man nicht weiß, woher sie gekommen ist und wohin sie geht. Die schönen Arbeiten, die du mir in München gemacht, und all die Blättchen, die du früher zusammengekritzelt hast, hab' ich immer gut aufgehoben und meine Freud' dran g'habt; aber wenn es auch seine Richtigkeit hat«, fuhr sie bewegt fort, »wie weit so einem Talent zu trauen ist, weiß man doch nicht.

Siehst du, wenn du einmal fühlen solltest, daß du dich trotz allem getäuscht hast, komm zurück – ohne Scham. Erinnerst du dich, wie du als kleiner Bub' dich auf der Tanne vor unsrem Hause verstiegen hattest und nicht weiter konntest und wie du nicht um Hilfe rufen wolltest und uns nach dir suchen ließest, bis der Vater dich endlich entdeckte und dich ganz armselig wie du warst, herunterholte?« –

So etwas Ähnliches sagte auch sie jedesmal beim Abschied.

»Mutter, bis jetzt, so Gott will, hab' ich mich nicht verstiegen,« sagte er, und er gab ihr die kräftige Hand und küßte sie auf den Mund, und die Frau schlang die Arme ihm um die Schultern.

Der Vater trat an ihn heran und klopfte ihn auf den Rücken. »Laß ihn nun, Alte, 's ist Zeit. Wir müssen jetzt wieder allein miteinander auskommen.«