Von ihrem dreizehnten Jahre an hatte sie angestrengte Arbeit gekannt. Von dieser Zeit an hatte man sie studieren lassen; ein Freund ihres Vaters, ein bekannter Maler, der das Talent des Kindes entdeckt, hatte sie selbst ausgebildet. So war ihr das Leben des jungen Mädchens völlig fremd geblieben. In ihrem Gefühlsleben war sie Kind geblieben und Künstler geworden, rein und leidenschaftlich.

Das Leben und seine Anforderungen verwirrten sie; sie hatte in nichts einen Überblick, denn sie trug die Dinge, die außerhalb ihrer Kunst standen, nicht mit sich in den Gedanken. Sie sprangen immer wie aus einem Nebel hervor, wenn sie dicht vor ihnen stand, und erschreckten sie. Da war das Mittagessen, das immer herankam, wie ein Schreckgespenst. ›Herr Gott, schon so spät!‹ – Was war geschehen, was nicht geschehen, was hatte sie mit der Köchin ausgemacht, was nicht? Was gab's? Wie hatte sie's gemacht? Was hatte sie alles vergessen? Da war ja noch so gut wie gar nichts! Was nun? Hundert Fragen und jede Frage ein Schreck – und mitten aus der Arbeit herausgerissen! Und ihr Mann? Hatte er nicht schon nach der Uhr gesehen? Weshalb hatte er nichts gesagt? Sie fragte ihn: »Weshalb sagtest du nicht, daß es schon so spät ist?«

»Weil ich das unsinnige Auffahren nicht leiden kann.« Er war böse. Und alles in Unordnung.

Die Wäsche! Das Wirtschaftsbuch, das Zimmerreinigen! Das Geldausgeben! Die Zeiteinteilung! Das Heizen! Die unendlich vielen Mahlzeiten! All' das waren Gespenster, die aus dem Nebel sprangen und sie immer von neuem entsetzten.

Und wie sie sich mühte und quälte! Dabei malte sie ihr erstes Bild nach einem bezahlten Modell, rannte abends in den Aktkursus und war voller Hangen und Bangen, träumte von Ruhm und Glück und ging wie in der Luft vor innerer glückseliger Arbeitserregung. Emil, ihren Bruder, unterrichtete sie auch noch und ließ ihn nicht aus den Augen. Sie war die Peitsche für seine Faulheit und ermüdete nicht und blieb bei Laune und betete, daß es Gott ihr doch erleichtern möchte mit Emil, daß er Eifer und Pflichtgefühl in ihm erwecken möchte, ihm so viel Kraft geben möge, daß wenigstens etwas zustande käme.

Ja, das waren bewegte Zeiten und kein Wunder, daß Gastelmeier nach Ruhe ausschaute.


Und da war etwas, das in Ollys Seele als unsägliche Bangigkeit aufstieg, das wie eine dunkle Furcht nachts über ihr lag, wie ein geheimnisvolles Grauen, das sie sich aus den Gedanken fortarbeitete am Tag, das sie im Gebet zu ihrem Gott trieb. »Mein Gott, mein Gott! Nein – nein, noch nicht!«

Und heiße Thränen flossen deshalb, heiße, versteckte Thränen. Niemand sollte fragen dürfen. – Schweigen, schweigen. –

Sie arbeitete doppelt angestrengt. – ›Wie ein zum Tode Verurteilter,‹ dachte Gastelmeier wieder. Ja, sie arbeitete in Angst und Bangen. Gastelmeier selbst mußte sich gestehen, vortrefflich, überraschend. Aber er gestand es sich schweren Herzens, halb unwillig, und Olly empfand, daß er nicht mit ihr lebte. Das freilich hatte sie noch nie von einem Menschen verlangt. Ihr Glück, ihr eigentliches Leben lag in der Zukunft. Dann, wenn der Ruhm kam, dann, dann – dann wollte sie leben.