Er faßte ihre Füße an. »Wie naß!« sagte er. »Komm, ich zieh' dir deine Schuhe aus.«

Sie rührte sich nicht und er knöpfte ungeschickt die Stiefelettchen auf, zog ihr die nassen Strümpfe von den Füßen und befühlte die eiskalten Füße. Er rieb sie, holte eine Decke und wickelte die Füßchen hinein. »Komm, leg dich doch bequemer,« sagte er.

Er blieb vor ihr knieen und streichelte sie, und es war, als wenn er sprechen wollte. Er sagte aber nichts und es verging eine Weile, während der es ganz still im Zimmer war, nur das Steinkohlenfeuer knisterte leise. Endlich schien er zu dem, was er sagen wollte, gekommen zu sein. Er bog sich ganz über sie hin, ganz zu ihrem Ohr. »Olly, kleine Frau,« sagte er, »verschweigst du mir etwas – etwas – Olly, etwas?«

Er war sehr bewegt und hielt sie wie damals so liebevoll und zart, als wäre sie ein Heiligtum. Er flüsterte ihr wieder ins Ohr. Da brach ein Thränenstrom aus Ollys Augen, so gewaltsam und heiß und schmerzvoll, und er bekam keine Antwort; ihr ganzer Körper war erschüttert, und er faßte ihre Hände und fragte noch einmal dieselbe Frage und bekam eine stumme Antwort, die ihn ganz verwandelte.

»Olly,« rief er glückselig, »nun wird alles gut!« Er strahlte, wie das gewöhnlich ist bei dem ersten Wunder, und hielt sie in seinen Armen an sich gedrückt, ohne darauf zu achten, daß das Geschöpf, das ihn eben mit einem Kopfnicken so beglückt hatte, sich in Jammer und Angst und Lebensverwirrung Leib und Seele zerquälte.

Wie sollte es werden? Sie fühlte sich so hilflos, so machtlos. Die schweren, erdrückenden Worte am Traualtar brausten ihr wieder wie Orgeltöne durch den Kopf. Es überstieg alles ihre Kräfte. Jetzt schon! – Das Leben drängte sich so übermächtig ein und trieb sie in die Enge, sie aus ihrem Paradies, aus der Luft, in der sie allein leben konnte. Sie sah nur Unglück und Trostlosigkeit, Kampf und Qual – und Gastelmeier war glückselig, schwatzte auf sie ein und war kreuzfidel. Sie wendete sich ab. Er that ihr leid und kam ihr so komisch vor. Er mißfiel ihr. Dann dachte sie wieder: ›Er ist ein armer Mensch.‹

Sie dachte das alles in einer unsinnigen Erregung. Und diese selbe Nacht erkrankte sie schwer.


VI.