Die Seele des Geschöpfchens, das sich dem irdischen Jammerthale hatte zuwenden wollen, war zurückgeschauert und vor ihrer Erdenwanderung behütet worden.

Olly lag krank und matt in ihren Kissen. In der ersten Zeit hatte sie das dumpfe, drückende Gefühl, als hätte sie das Dasein dem Geschöpfchen nicht gegönnt. – Sie war dabei, sich in schmerzliche, nutzlose Gefühle krankhaft hineinzurütteln. Aber nein, nein, das sollte nicht Macht über sie bekommen. Die Gedanken wurden wieder frei und ruhig. Es war gut so.

Es stand ihr klar vor der Seele, wie sie von der bangen Erwartung zu Boden gedrückt war, wie sie sich so schwach, so hilflos, so unfähig gefühlt hatte, wie ihr die Anforderungen des Lebens wie Wasserwogen über den Kopf zusammenzustürzen gedroht hätten. Sie empfand, wie alles elendes Stückwerk geworden wäre – alles.

Jetzt hatte ihr das Schicksal Zeit gegönnt. Wie wollte sie diese ausnützen! Ehrlich und ernst in allen Dingen, und er sollte auch nicht so viel Grund haben, über sie zu klagen, nein, sie wollte lernen. Und ihre Arbeit? Welches Feuer, welche Freudigkeit, welche Sehnsucht lebte doch in ihr! Sie war so ganz erfüllt und ganz Ungeduld, wieder zu beginnen. Er, der gute Mensch war niedergedrückt, er hatte sich so gefreut, und konnte sich nicht genug thun, zu trösten und immer wieder zu trösten, war voller Aufmerksamkeit und Rücksicht und Zartheit. Olly nahm den Trost wortlos hin, sie fühlte, er konnte sie nicht verstehen, wenn sie ihm sagen würde, wie sie empfand. Weshalb sollte er sie denn auch verstehen? Sie verlangte das von keinem Menschen. Sie war noch immer ganz davon überzeugt, daß einer den andern eben nicht versteht, daß jeder Mensch im Grunde einsam lebt. So litt sie nicht unter diesem Schweigen und Verschweigen.

Sie gehörte noch nicht zu den Unverstandenen, die sich herumquälen und die nörgeln, weil sie wollen, daß andre vollkommen die Wichtigkeit ihrer Seelenzustände mit empfinden. Sie war noch kein so armseliges Töpfchen, das glaubt, die ganze Welt müsse es beschauen wie einen speienden Krater, und das enttäuscht und wütend ist, wenn es ganz unbemerkt über seinem Feuerchen zischt und brodelt. Oder sie war wie ein Bach, der noch nie über seine Ufer getreten ist.

In ihrem Verschweigen aber lag noch etwas andres: Sie hatte das bestimmte Gefühl, daß, wenn sie ihm alles sagen wollte, er sie für schlecht halten würde und sie ihm nicht begreiflich machen könnte, daß dem nicht so sei.

Annele war während Ollys Kranksein gekommen, um die Wirtschaft zu führen. Gastelmeier hatte sie darum gebeten. Es war behaglich und friedlich, als wäre ein guter Geist im Haus. Gastelmeier wurde wieder ganz vergnügt, es schmeckte ihm gut. Annele kochte heimatliche Gerichte. Gastelmeier sprach mit ihr wie mit einem guten Freund, er schüttete ihr sein Herz aus. Er sprach über Olly, wie es so oft unbehaglich bei ihnen sei, wie sie für nichts als für ihre Malerei Sinn habe und eigentlich gar nicht andres verstände.

»Und siehst du, Annele, ich hab' auch geglaubt, daß sie jetzt viel trauriger sein würde.«

Annele hatte ihn ruhig und ernst angehört. Sie standen miteinander im Atelier in der Dämmerstunde. Ollys Staffelei war beiseite geschoben und Gastelmeier hatte eine seiner simpeln kleinen Landschaften auf der seinigen stehen, eine jener Landschaften, die er immer ungefähr ähnlich wiederholte und für die er immer Abnehmer fand.