»Du, Friedel, ein Fratz war ich nie. Ich bin immer sehr ruhig gewesen, soviel ich weiß.«

»Ruhig, ja, aber heiterer, so wie die schönen stillen Tage in Rohrmoos.«

»Gerade so wahrscheinlich,« sagte sie, »denn ich bin ein Stück von Rohrmoos geworden. Man wird so, wie die Umgebung ist, in der man lebt.«

»Mein Gott,« sagte Gastelmeier, »da werde ich mit der Zeit ein kleiner Privatrangierbahnhof werden.« Er erzählte Annele, wie Emil, sein Schwager, Ollys Familie getauft hatte, und fragte sie, ob sie sich erinnerte, wie er ihr den Rangierbahnhof, neben dem er gewohnt, damals beschrieben habe.

»Ja,« sagte sie ernst. »Ich selbst hab' dich damals gebeten, fortzuziehen.«

»Jawohl. Siehst du, so einen kleinen Rangierbahnhof machen wir uns hier wieder zurecht, so einen Ableger von dem aus der Blütenstraße. Bei uns giebt es, gerade wie in der Blütenstraße, immer etwas zu bereden und zu rangieren. Da gehen wir im Zimmer auf und ab, gerade wie die seelenvolle Mama und ihr Erwin und Emil und Olly früher daheim – und rangieren. Das heißt: bereden und beschließen, das Leben von vorn anzufangen, oder wir bereden und rangieren eine wundervolle Zeiteinteilung, die nie eingehalten wird; immer fassen wir allerhand Entschlüsse und beschließen, alles anders zu machen wie bisher, und sind ganz gerührt und voller Hoffnung, wollen zu allererst immer die Köchin fortschicken. Von allen Dingen aber geschieht nichts, als daß wir eben rangieren – immer wieder rangieren – und weißt du, ganz wie in der Blütenstraße. Ich kann es schon ganz gut – scheußlich!

Weißt du, wenn wir Geld genug hätten und die arme Olly könnte im langen weißen Kleid hier stehen und malen und ich könnte ihr den Arm geben und sie zur Zeit zu Tische führen und der Diener stände da und riß die Flügelthüren vor uns auf – Olly könnte wie so ein schöner Engel ganz im Jenseits leben, weißt du, so wie es sich eigentlich für so ein Geschöpf gehört – Herr Gott im Himmel, das wäre mit ihr ein Leben! Du ahnst gar nicht, wie reizend sie ist.

Weißt du, zwei so lange weiße Kleider hat sie sich machen lassen, sie wollte daheim immer weiß gehen. Haben wir aber wegen diesen Kleidern rangiert! Sie kam nie damit zu stande. Sie waren immer beide schmutzig. Die Köchin wusch sie ihr nie zur Zeit und benahm sich überhaupt immer, als wäre es eine Frechheit von uns, zu verlangen, daß die langen Kleider gebügelt und gewaschen sein sollten. Sie that es einfach nicht, vergaß es absichtlich. Dann haben wir versucht, sie bei einer Wäscherin waschen zu lassen, das wurde riesig teuer; dann sind wir noch auf chemische Wäsche gekommen, das erst! Es ging auf keine Weise. Jetzt liegen sie irgendwo. Ich hätte es ihr gar zu gern gegönnt, daß es uns gelungen wäre. Wenn sie so neben mir im Atelier stand, so weiß und zart, und arbeitete, weißt du, mit einem Eifer, da war mir's immer zu Mute, als sollte ich aufstehen und ihr den Kleidersaum küssen oder die Lockenspitzchen. Es hat mir gar keine Ruhe gelassen, es war etwas zu ungewohnt Süßes.«

Annele hörte ihm still zu, dann sagte sie: »Was ich Euch helfen kann, das thu' ich gern. Eh' ich geh', muß ich Euch wenigstens eine andre Köchin finden.«