»Ans Gehen denkst du doch noch nicht, Annele?«

»Bald,« sagte sie. »Sie brauchen mich oben.« Ein leichter Seufzer bewegte ihre Brust, so ein Seufzer, der aus einem starken, stillen, wehen Herzen kommt.

»Schade,« sagte Gastelmeier, »schade.«


Annele hatte wirklich die kleine Wirtschaft der beiden in eine einfache, gute Ordnung gebracht, ganz still und unmerklich, hatte eine neue Köchin eingesetzt, Olly Ausgabebücher eingerichtet, ihren Wäscheschrank aufgeräumt, die Speisekammer bequem hergerichtet, die Schlüssel für die verschiedenen Schränke mit kleinen Etiketten versehen und an einen Ring angereiht. Sie hatte ihr eine Tafel zum Wäscheaufschreiben auf den Schreibtisch gelegt, den Griffel daran gebunden. Ja, sie hatte ihr einen Speisezettel für den ganzen Monat gemacht, den sie immer nur bis auf einige Änderungen umzukehren brauchte, und sie hatte der Köchin ausführlich Anweisungen gegeben. Olly war ihr so dankbar und versprach ihr, alles heilig zu halten.

»Thu' das, Olly,« hatte das Mädchen zu ihr gesagt. »Mach' ihn glücklich. Er ist ein guter, guter Mensch.« Sie hatte das so weich und ernst gesagt, daß Olly ihr unwillkürlich in die Augen blickte; die waren aber ruhig und klar, wenn auch keine frohen Augen. Sie waren so verständig.

Und erst in der Einsamkeit, als sie im fortrollenden Coupé saß, wurden diese verständigen Augen unverständig, wie das arme Herz es wollte, und weinten heiße Thränen unter fremden Leuten.


Es schien wirklich, als wäre ein guter Geist im Hause gewesen und hätte Segen gebracht. Es war etwas mehr Frieden, alles ging glatter und ruhiger. Olly war gut und liebenswürdig wie ein Kind. Wie sie zum erstenmal wieder an ihre Staffelei trat und ihr Modell in die Stellung gebracht hatte, wie vor einigen Wochen, hatte sie die Augen voller Thränen. Sie wußte selbst nicht, weshalb eigentlich, sie war so froh, wieder zu beginnen, so ergriffen, und das Gefühl, mit ganzer Kraft weiter gehen zu dürfen, dem Ziele zu, erschütterte sie. Doch fühlte sie sich noch immer nicht recht wohl.

So kam Weihnachten heran. Sie hatte eine Woche vor Weihnachten ihre Arbeit wieder begonnen, und in dieser Woche war ein Porträt, vielmehr eine Studie von ihr, in den Kunstverein geschickt, zum erstenmal – Tante Zänglein hatte ihr dazu Modell gesessen. Ein altes Weibchen im dämmerigen Zimmer am Fenster. Tante Zänglein kehrte dem Fenster dem Rücken zu und das Licht floß an ihr gewissermaßen vorüber, sie nur streifend. Das Gesicht lag zu ihrem großen Ärger ganz im Schatten.