Auch jetzt brachte die Köchin richtig die grünen Heringe zum heiligen Abend. Sie war aber sehr schlechter Laune. »Was ist das für ein Weihnacht,« sagte sie zur Köchin von der untern Etage. »Meine Gnädige scheint an nix zu glauben. Backen hat s' net lassen, für die ganze Weihnachten net. Grüne Heringe haben wir am Abend, sonst nix.« Einen Weihnachtsbaum hatten sie, den zählte die Köchin nicht mit und Olly putzte ihn am Nachmittag still und gleichgiltig auf.

Ja, wenn man den Schmerz verbeißt, den eine Wunde uns macht und wenn man auch lächelt und spricht, die Bewegungen bleiben gehemmt und schmerzen fast und es ist nicht wie sonst. Welche Mühe hatte sie, das Bäumchen zu putzen, wie schwer wurde es ihr, wie lang dauerte es – und wie müde – wie müde! Es lag ihr wie Blei in den Gliedern.

Eine Redensart ihrer Mutter kam ihr nicht aus dem Kopf. Jedes Nein ist Unglück, jedes Ja ist Glück. Sie hatte das nie leiden können. Doch war es so. Wie hatte sie dieses Niedergedrücktsein, dieses Verzweifeltsein daheim gehaßt, wie erbärmlich war's ihr erschienen! Nun lag es auch ihr in den Gliedern – wie ein Fluch.

So ein böser Anfang zum Ruhm. Wie hatte sie sich immer frei und stolz gefühlt, so unantastbar! Mißerfolge, mein Gott, die waren natürlich. Sie hatte immer damit gerechnet. Sie hatte die andern verurteilt, die sich einen vorübergehenden Erfolg oder Mißerfolg so zu Herzen nahmen, daß sie blind und taub für alles um sich her wurden, und nun war sie gerade so, beim erstenmal gleich! Sie war wie in einen grauen Nebel geraten. Jawohl, über etwas von oben herab urteilen und selbst darin stecken, das sind zweierlei Dinge. – Sie schämte sich ihrer Härte, wenn sie an früher dachte. Alle ihre Gedanken kamen ihr wie gebrandmarkt vor. Es waren die Gedanken einer Blamierten. Alles war ihr an sich selbst reizlos geworden, armselig, bedeutungslos, nicht berechtigt zu existieren. Und warum? Weil irgend ein Unbekannter über ihre Sachen etwas Ungünstiges geschrieben hatte, was sie noch nicht einmal recht wußte. Wie und was er geschrieben, war ihr gleich. Und ein erfolgloser Künstler, der niemand hat, der an ihn glaubt, als sich selbst, was ist das für eine armselige Kreatur; einer, der auf schlechte Kritiken schimpft, sich reinwaschen will, erklären will, wie recht er hat, wie vortrefflich alles ist, was er schafft, und wie dumm die sind, die es nicht begreifen!

So etwas werden zu können!

Nein, jeden Schlag stumm hinnehmen, nie klagen, nie sich verteidigen – nicht einmal an sich selbst stumm glauben wollte sie, um sicher zu sein, nie eine Taktlosigkeit zu begehen, wie die daheim. Totschlagen lassen wollte sie sich Seele und Körper ohne zu zucken.

Der Fluch der Kunst, der die Schwachen beugt, lag auf ihr. Ja, sie steckte plötzlich wie mitten im grauen Nebel, und dieser umgab nicht nur sie. Von ihr aus verbreitete er sich im ganzen Haus, löschte die Weihnachtsfreude aus, legte sich dem ehrlichen Gastelmeier wie eine schwere Last auf's Herz. Es waren die ersten Weihnachten, die er nicht daheim in Rohrmoos feierte.

Weihnachten auf Rohrmoos! In der Heiligenabenddämmerung stieg ihm das sehnsuchtsvolle Bild auf. Welch ein Treiben – welch ein Duft! Weihnachtskuchen! Weihnachtsbier! Weihnachtskarpfen! Weihnachtsgebäck aller Art, feines und grobes, alles in Haufen, alles Duft ausströmend, das Rennen und Laufen auf dem Hof, das hurtige Arbeiten in den von Laternen erhellten Ställen, um fertig zu werden und das Feiertagsgewand anzulegen! – Und im Wohnzimmer die gute Mutter, mit der großen, weißen Schürze, die den Leuten die Bescherung herrichtete und in wollenen Socken, Joppen, Röcken, Pfefferkuchen und Nüssen und Äpfeln fast begraben war, und Annele, die jetzt auch gerade den Christbaum putzt, zufällig zur selben Zeit wie Olly. Er wußte das, die Zeiteinteilung am heiligen Abend war unverrückbar, ein Jahr wie das andre, – und der Vater, der sich an seinem Sekretär mit den Geldpäckchen zu schaffen machte, auf jedes ein Siegel drückte und den Namen des Empfängers mit der steifen, ungeübten Schrift darauf schrieb. Das war ein Weihnachten! – Draußen der tiefe, weiße Schnee und die stillen Berge, drinnen im Haus die rührige Festfreude. – Und hier bei ihm? Wenn alles noch so gewesen wäre, wie vor wenigen Wochen, so hätte er sich auf nächste Weihnachten gefreut und mit diesen vorlieb genommen; aber so wie es jetzt war, kam es ihm trübselig vor.

Der Arzt hatte nicht erlaubt, daß er mit Olly nach Rohrmoos reiste. Hätten sie nur nicht gefragt! Das arme, stille, gedrückte Geschöpf am Christbaum war denn das Olly – seine liebreizende Olly?