Er sah ihr bange zu. Sollte er mit ihr von der dummen Geschichte reden, die sie sich so sehr zu Herzen nahm? Er wagte es nicht, er hatte Furcht davor und meinte auch, daß es besser sei, zu schweigen, als daran zu rühren. So standen sie, sich gegenseitig ganz fremd, vor dem Christbaum und schauten ihn sich miteinander an. Er war nur mit blaßrosa Rosen besteckt, sehr schön, aber kein eigentlicher Weihnachtsbaum. Gastelmeier hatte noch nie so einen gesehen.
»Du hast ja gar nichts daran gehängt, Olly. Annele machte immer bunte Netze und steckte allerlei hinein, und es hing alles dick voll Gebäck, das die Mutter mit uralten Holzförmchen selbst gebacken hatte.«
Olly sah ihn ganz verwundert an. Sie fühlte sich auch etwas gekränkt, daß er ihren Weihnachtsbaum nicht schön zu finden schien; so hatte sie ihn Jahr für Jahr als ganz kleines Mädel daheim aufgeputzt und hatte früher gemeint, daß es so etwas Schönes wie ihren Baum nicht mehr geben könnte, einen Busch so voll Rosen, wie man ihn nur im Traume sehen konnte. Aber das war ganz gleichgiltig jetzt. Sie fühlte es nur so nebenbei. Es kam ihr vor, als hätte sie gar keine Berechtigung mehr zu fühlen, als wäre sie vernichtet. Und geradeso nebenbei dachte sie, daß er auch seinen Weihnachtsbaum liebe, wie er ihn gewohnt war, und es that ihr leid, daß sie ihn nicht darum gefragt hatte.
Aber wie dumpf war alles, was sie dachte. – So also stellte sie sich an, wenn ihr etwas in die Quere gegangen war? So? Schlimmer als die andern! Ja, aber es war ihr nicht irgend etwas Beliebiges in die Quere gegangen, sondern sie war mit dem ersten Schritt ins wahre, einzige Leben in einen Abgrund gestürzt und lag nun tief unten, wie zerschmettert. Wie sie so ins Maßlose hineinfühlte! Sie empfand das selbst; aber sie war nun einmal fortgerissen.
Gastelmeier hing seinen sehnsüchtigen und trüben Gedanken weiter nach. Der Arzt hatte mit ihm über Olly gesprochen. Er hatte gefragt, an was Ollys Vater gestorben sei: »Wie jeder dritte Pole wohl an der Schwindsucht,« hatte er geantwortet, so – er hörte sich noch, es lag darin die ganze Gleichgiltigkeit, die er für Ollys Familie hatte. An was er gestorben war, wußte er nicht. Es war ihm, dem Arzte gegenüber unangenehm, daß er sich so hatte gehen lassen, und er hatte von der Thüre aus in Ollys Zimmer, wo diese im Bette lag, hineingerufen: »Olly, an was ist dein Vater eigentlich gestorben?«
»Bst,« hatte der Arzt gemacht, um ihn zurückzuhalten. Es war zu spät. Wie dumm, sie an so etwas zu erinnern!
Olly aber antwortete ruhig und matt, er hörte sie noch, wie sie es sagte: »Papa starb an einer Kehlkopfkrankheit.«
Sie hatte es so leise gesagt, daß es nur Gastelmeier hatte hören können. Das referierte er dem Arzt: »An einer Kehlkopfkrankheit.«
»So – so,« hatte der gesagt und war, nachdem er noch einige Anordnungen gegeben, fortgegegangen.