Wie kam er jetzt darauf, ganz unvermittelt? Er hatte sich damals dumm benommen, das war ihm fatal, jetzt noch – und was war es denn weiter? Eine Gedankenlosigkeit! Außerdem war etwas Trübseliges in dieser Erinnerung, in Ollys Stimme, in allem. Wie sie das so gesagt hatte, – selbst krank. Es wollten keine frohen Gedanken kommen, so eine bleierne Stimmung, keine Freudigkeit, nicht einmal zu Weihnachten, und sie liebten sich – und es hätte so schön sein können!

Aus der Küche kamen auch keine verlockenden festlichen Gerüche. »Karpfen haben wir doch?« sagte Gastelmeier und sog einen sonderbaren unvermuteten Duft ein, der mit der Köchin eben ins Zimmer gekommen war.

»Der Fisch ist so schön,« sagte Olly befangen, »ich wollte nicht – draußen im Wasser schwimmt er. – Grüne Heringe sind auch Fische. Nicht wahr, Sie backen sie gut?« wendete sie sich fragend und bittend an die Köchin.

»Na,« sagte Gastelmeier, »das ist auch das erste Mal!« Diese Aussicht hatte ihm vollends alle Laune verdorben und noch eine andre: Die vergeistigte Mama, Erwin, Emil, Tante Zänglein und der lange, sparrige Mensch kamen natürlich, um Weihnacht mitzufeiern, um die grünen Heringe mit essen zu helfen, der ganze Rangierbahnhof. Das war ein Weihnachten, ohne Saft und Kraft, ganz ohne Herz!

Und sie kamen, so gedrückt und wehleidig. Es war das erste Mal, daß sie wieder seit Ollys Krankheit alle beisammen waren. Die vergeistigte Madame erschien ganz in der Rolle der mitfühlenden Mutter. Sie hatte jetzt zwei, um die sie hangen und bangen konnte. Erwin hatte ihr kürzlich erst wieder den Genuß bereitet, nach Herzenslust jammern und die Nerven strapazieren zu können. Es gelang ihm so gut wie nichts oder wenigstens sehr wenig. Sie führte, während der Weihnachtsbaum brannte, mit Erwin und dem sparrigen Menschen ein litterarisches Gespräch und so hörten und sahen sie nichts.

»Na, komm,« sagte Tante Zänglein zu Olly. »Du Pechprinzeß, fällt denn bei Euch keines einmal aus der Rolle – erst das eine, dann das andre, in etwas sollte der Mensch doch Glück haben. – Da hast du wenigstens etwas für den Ärger,« und sie gab Olly ein kleines Päckchen in die Hand; darauf stand in der zierlichen Schrift des Weibchens: »Für das Porträt ohne Gesicht.« – – Und wie es nun kam!? Von diesen Augenblick an schlug Ollys Stimmung um.

»Kein Glück?« sagte sie lachend, »Tante Zänglein, so? Denkst du, daß ich mich quäle? – gar nicht. – Kein Glück? Glück sage ich dir, die Hülle und Fülle, wart' nur! Aber kein so miserables Glück wird es sein, da einmal, dort einmal – so im großen Zug, verstehst du? Mit einem Schlag ist mir's, als würde es so, wie ich will. Arbeiten – und dann der Lohn, und einen Lohn, wie ich ihn mir denke. Am Arbeiten soll's nicht fehlen! Und wenn ich dann bin, wo ich sein will, dann heißt es sich oben halten,« lachte sie, »und jemand haben, den man liebt!« Das war die alte Olly, das freie, stolze Mädchen, das an sich und seine Schönheit und seine Kraft und sein Können glaubte. – »Weißt du, Tante Zänglein, wie ich arbeiten kann? Herrgott, wenn du das wüßtest!«

»Schau,« sagte das kleine Weibchen, »so eine Frau, so ein Mädel! Das ist einmal etwas! So gefällst du mir. Endlich eine! Die Trübsal spritzen, das sind scheußliche Leute, denen glückt auch nichts.«

Wie umgewandelt war die Stimmung mit einemmal. Olly wurde so übermütig, daß die andern auch aufschauten. Gastelmeier war vergnügt, so konnte sich sein Weihnachten im eigenen Heim doch auch sehen lassen und brauchte sich nicht zu verkriechen vor dem, was er »Weihnachten« nannte.

Die grünen Heringe schmeckten ganz gut; Gastelmeier spendierte ein paar Flaschen guten Weißwein, den er von daheim geschickt bekommen hatte, und der Rangierbahnhof feierte wirklich Weihnachten und hielt einmal Ruhe.