Komisch, wie eigentlich Mama sich damit abgefunden hat. Sie weiß von Mamas Art zu denken und zu fühlen gar nichts. Und jetzt ist’s mit Papa auch nicht so ganz geheuer. Er ist gar zu vortrefflicher Laune.
Isolde erinnert sich daran, wie damals Papa sich vor Mrs. Wendlands Thür in einen Gentleman verwandelt hatte und wie Marie und sie selbst darüber entsetzt waren.
Ja, das war sehr sonderbar gewesen, unvergeßlich sonderbar. Sie hatten jetzt fast immer einen wohlsoignierten, blühenden, jovialen Papa, gutgekleidet, jugendlich, von bester Gesundheit und vortrefflich im Betragen.
Allerdings hatten sie dies Vergnügen nicht allzu oft, denn er hielt sich viel in Berlin auf und auch in München war er, wie immer, der Vielbegehrte.
Aber merkwürdig daß er heut nicht kam, heut am Weihnachts-Heiligenabend.
Mama saß ganz still wie vor sich hinbrütend. Ungeduldig hatte Isolde Mama überhaupt nie gesehen, und eigentlich kannte sie Mama zumeist nur wartend, — auf den Vater wartend. Auch nachts wartete sie — lang, lang, das wußte Isolde ja. Mama wartete von jeher nachts und schlief nicht eher ein, bis der Vater kam.
Was mochte wohl Mama ihr Lebtag diese vielen, vielen Stunden gedacht haben?
Schrecklich.
Wie in sich verschlossen sie doch war. Ganz geheimnisvoll — Nachttier-haft, rührend ihre eignen dunkeln Wege gehend. Wie sah Mamas Leben aus, wenn man es mit ihren eignen Augen betrachtete?
Isolde konnte die Blicke von Mama gar nicht weg wenden.