Das, was sie in jener Nacht empfunden, was ihr den Jugendmut genommen, hatte sich ihr ins Bewußtsein wie eingegraben, daß sie zu der Hälfte der Menschheit gehört, die von allem Geistigen auf Erden ausgeschlossen ist, zu der verdummten, stehengebliebenen, unentwickelten Hälfte der Menschheit, die nur Körper ist, — die nur Körper sein soll, für die Geist etwas Krankhaftes, Widernatürliches, Unanständiges ist, zu der Hälfte der Menschheit, die sie die zarte nennen — und die im Grunde die robuste, die ungegliederte ist, die allem Feinen, allem Lebensprühenden, Lebenswerten, allem was Geist und Erkenntnis ist, fremd, feindlich, dumm gegenübersteht.
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Isolde machte in dieser Zeit weite Spaziergänge in der Umgegend, währenddem sie dumpf und doch leidenschaftlich vor sich hinbrütete.
Henry Mengersen schien von diesem einsamen Umherschweifen seiner jungen Schwägerin nicht angenehm berührt zu sein.
Er untersagt es ihr.
Sie standen miteinander in seinem Atelier, als er das that.
Es war in diesen langen Jahren keinmal vorgekommen, daß sie ihm Zeit gelassen hatte, sich ihr gegenüber mit ihrer Person zu beschäftigen.
Er hatte ihre Nähe nicht wieder empfunden, seit sie, wie im uralten Märchen, in ihrer großen Schönheit nackt, wie sie zur Welt geboren war, vor ihm gestanden hatte, wie die, die ihre Brust geduldig dem Messer bot, damit ihr Herr genesen sollte.
Nicht um einen Schritt hatte er ihr sich wieder nähern können, als Künstler wohl — und oft — nie als Mensch.
Isolde blickte ihn daher jetzt mit kalten, erstaunten Augen an. Sie würdigte ihn keiner Antwort und verließ daß Atelier.