Der Herr Rat hatte gemeint, sie würde nun auch die Kleider zusammennehmen und davonstürzen wie die Kummerfelden, und es wurde ihm sonderbar, als dies nicht geschah. Die Muskulusen wandelte mit ihm auf und nieder in der tiefen Dunkelheit, und er fühlte, wie sie nach seiner Hand tastete, sie erfaßte und lispelte, daß man stark sein müsse, daß sie ihm von jeher sehr ergeben sei – aber ebenso seiner Gemahlin, und daß sie wisse, was sie dieser vortrefflichen Frau schuldig sei. Mamsell Muskulus sprach wohlgesetzt und tiefbewegt und wurde dem Herrn Rat sehr unbequem, so daß er sich beeilte, sie wieder in die Nähe der Leute zu führen.

Sie ließ sich auch von ihm führen, wohin er wollte. Und als sie in den Schein der Windlichter traten, bemerkte der Rat, daß Mamsell Muskulusen einen ganz verklärten Ausdruck hatte.

Aber ohne zu denken, stürzte er sich wieder auf eine andre; diesmal jedoch war er an die Adele Schopenhauer geraten, da war's ihm angst und bange dabei; er beschränkte sich darauf, ihr am Mühlbach die Hand zu küssen und die Wange zu streicheln, und es war ihm zu Mute, als hätte er sich diese Freiheiten gegen Pallas Athene selbst herausgenommen. Die junge Adele donnerte ihn nieder mit einer Hoheit und schriftstellerischen Gewandtheit, die ihn verblüffte und erschreckte, und in wahrer sittlicher Empörung verließ sie den verblüfften Rat am Mühlbach und wandelte ruhig gemessen ihres Weges.

»Der Teufel auch,« dachte der Rat; aber er war nun einmal ein ganzer Mann, und wenn er eine gute Idee ausgeheckt hatte, so mußte die auch durchgeführt werden, und so stürzte er sich wie ein Tiger wieder auf ein Frauenzimmer – und wieder auf eins – und wieder auf eins – und wieder auf eins, wie rasend, und wurde ganz gelenkig dabei, spitzte die Lippen mit einer wahren Virtuosität und wütender Zärtlichkeit, denn seine Wut hatte sich gewissermaßen in Zärtlichkeit verwandelt.

Jetzt kam ihm eine junge, bescheidene Frau in die Arme gelaufen, die kleine Frau Egidi. Die stieß aber solche Jammertöne aus, daß es dem Rat erst recht angst wurde.

»Ach mei' Mann – mei' Mann! – Was wird mei' Mann sagen!« rief sie laut und ängstlich, so daß der Rat fürchtete, sie würden alle zusammenlaufen, und daß er von ihr fortstürzte und sie verblüfft stehen ließ.

Da liefen aber dem Mord- und Kußlustigen gerade noch die Ratsmädchen in die Quere. »Diese Krabaten!« dachte er, denen kann's nicht schaden, wenn ich sie ein bißchen erschrecke, die brächte ich mir gern vom Hals. Sie waren wie immer beide zusammen, und als sie dem Rat begegneten, gingen sie mit ihm, und er machte kurzen Prozeß und gab jeder einen gehörigen Schmatz, der die Ratsmädchen aber durchaus nicht erschreckte; sondern sie hakten sich in seine Arme ein, äußerst vertrauensvoll, und Röse bog sich hinter dem Rücken des Rats zu ihrer Schwester Marie hinüber und flüsterte: »Du, der scheint uns ja doch gewogen, da können wir uns ja ganz gehörig über die Stachelbeeren hermachen. Ich habe doch immer gedacht, er kann uns nicht leiden.«


Inzwischen hatte sich aber in der Gesellschaft vor dem Gartenhäuschen etwas Sonderbares abgespielt: es war, als hätten die vortrefflichen Würste und der gute Hausmuff ihre Kraft verloren, als wäre nur alles eine Art Luftspiegelung gewesen und als hätten die Gäste der Frau Rat noch gar nichts im Magen. Es mußte mit den Leuten etwas geschehen sein. Der Frau Rätin war so etwas noch nie vorgekommen, die erschien sich wie verraten und verkauft unter ihren guten Freundinnen.

Mit der Kummerfelden hatte es angefangen, die hatte mit einem Male so ein Paar närrische Augen gemacht, als wäre der Geist der Verwirrung in sie gefahren, dann war mit einem Male die Muskulusen aufgetaucht wie eine Trauerweide. Die Schopenhauers hielten mitten in der Gesellschaft über irgend etwas geheimnisvoll Familienrat, und überhaupt tuschelte man überall miteinander.