Aber nach und nach wurde es ihm selbst ungemütlich. Das Haus am Markt wurde so stille wie ein Grab; seine Frau saß in sich gekehrt, war stumm und bedrückt zu jeder Tageszeit, und ihre großen, runden Augen schauten immer fragend die Wände an.
Eines schönen Abends begegnete er Mamsell Muskulus, die ihn ganz eigentümlich anblickte, gerade so, als wenn sie wieder Appetit hätte. Der Rat aber machte lange Schritte und schüttelte sich in der Erinnerung an die Strapazen, die er durchgemacht hatte.
Zu Hause wurde die Stimmung immer schwüler, immer bänger. Er fand jetzt seine Frau mit rotgeweinten Augen. Sie war ganz hilflos, ganz verwirrt. Im Herrn Rat regte sich etwas – er wußte selbst nicht recht was, etwas Unbequemes, Fatales. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er ertappte sich darauf, daß er die Einsamkeit seines schönen Gartens gar nicht so oft aufsuchte, als es das Opfer, mit dem er diese Einsamkeit erkauft hatte, verdient hätte; er saß mit etwas Aehnlichem, wie einem schlechten Gewissen, oben in der Studierstube, und wie ihn früher der Lärm gestört hatte, so störte ihn jetzt die Stille.
Auch von Apothekers ließ sich niemand blicken. Das Vertreibungsmittel hatte ganz niederträchtig gewirkt.
Eines schönen Nachmittags zur Kaffeestunde schellte es und Madame Kummerfelden kam. Die Rätin ging ihr ganz betreten entgegen. Und Madame Kummerfelden kam feierlich, setzte sich aufs Kanapee und fragte nach dem Ergehen und sprach auch vom Wetter, was sie sonst nicht zu thun pflegte, und schließlich legte sie wieder die beiden Hände auf Frau Rats Schultern und schaute sie wieder so verdächtig mitleidig an, wie damals im Garten, daß es der Rätin eiskalt den Rücken hinunterlief – und dann kam die ganze Pastete von Anfang bis zu Ende – alles, was geschehen und nicht geschehen war, was gesagt und nicht gesagt war, mitsamt dem ganzen Klatsch von Beteiligten und Nichtbeteiligten – und daß die Schopenhauern keinen Schritt mehr ins Haus setze und daß die junge Frau Egidi gesagt habe, ihr Mann werde ihn fordern, und daß er selbst die harmlosen Ratsmädchen geküßt habe, was sie in aller Unschuld erzählt hätten – und daß er sie, die Kummerfelden, auch geküßt habe auf eine ganz wütende Weise, so daß sie es gar nicht für Küssen gehalten, sondern gemeint habe, daß er sie in den Mühlbach habe werfen wollen, und daß er tollwütig geworden sei – und daß die Rätin es sich nicht allzusehr zu Herzen nehmen solle, da es nun einmal geschehen und man im allgemeinen alles und jedes von jedem Mannsbild zu gewärtigen habe, daß ein Mannsbild immer eine Bestie sei, es möge sich stellen, wie es wolle – und daß sie, die Kummerfelden, von den Mannsbildern überhaupt nichts halte, was sie auch trieben.
Jedenfalls stehe der Scheidung wohl kaum mehr etwas im Wege, Zeugen haben sie die Hülle und Fülle, und das sei in solchem Fall von größtem Wert.
Von der Muskulus sagte die Kummerfelden kein Sterbenswörtchen, denn die Muskulusen hatte die ganze Zeit über niemand gesprochen, die hatte sich mit ihren Liebesgefühlen in ihre Dachkammer zurückgezogen und wußte davon noch gar nichts, daß sie ihre Küsse mit einem Dutzend Schwestern zu teilen hatte.
»Aber,« sagte die Kummerfelden, »der Herr Rat. – Mein Gott, für die Ehrbarkeit selbst hätte man ihn halten sollen, so ein gescheiter, gelehrter Mann! – Es ist wie ein böser Traum.«
Die Kummerfelden hatte immer allein gesprochen, und die arme Rätin saß ganz bewegungslos da, starr und steif, und ihre großen runden Augen fragten die Wände um Aufklärung. Sie verstand nichts recht, sie war ganz auseinander – ganz wie zertreten. Ihre Gestalt fiel zusammen, als würden ihr die Knochen weich und könnten das langgewohnte Fleisch- und Fettpolster nicht mehr aufrecht tragen, – und in diese Situation trat völlig unvermutet, leidlich harmlos der Herr Rat – und wurde von der Kummerfelden wie ein Begrabener und Auferstandener angeblickt – und von seinem Weibe wurde er gar nicht angeblickt – und zum erstenmal in ihrem Leben kam jetzt kein »Aber Gustävchen!« über ihre Lippen. Sie war verstummt. Und so saßen und standen sich die drei gegenüber.
Dem Rat fiel es wie eine Zentnerlast auf die Seele, als er in die richtenden Augen der Kummerfelden gesehen hatte. – Das waren Augen, wie sie nur auf einem ganz Gesunkenen ruhen konnten – und da die Kummerfelden eine mutige Frau war, so prasselte von neuem alles Gesagte und Nichtgesagte, alles Geschehene und Nichtgeschehene, alles Beschworene und Beschlossene auf das unglückliche Paar los. –