»Ja, aber Madame Kummerfelden, so ist ja denn das aber doch gar nicht!« rang es sich protestierend aus der Kehle des Herrn Rats los – und nun fing der Rat an zu erklären – und predigte erst tauben Ohren – aber so nach und nach taute bei der Kummerfelden die sittliche Entrüstung auf und sie schaute den Rat an – und in ihren alten lustigen Augen blitzte es auf. Das waren wieder die Augen der Kummerfelden, die Kirchenfenster, mit denen sie den verworfenen Rat angeschaut hatte, mochten nur so eine Art Kraftleistung gewesen sein. –

»Also erschrecken haben Sie die Frauenzimmer gewollt – haben gemeint, mit Küssen lassen sich Frauenzimmer vertreiben – na ja – gewissermaßen in gewissen Fällen schon. Freilich, wenn Sie sie alle so geküßt haben wie mich – dann glaub' ich's schon eher – dann schon. Aber wer küßt denn auch so! Großer Gott, nicht einmal küssen kann so ein gelehrtes Mannsbild! Wundert mich nur, daß es die andern schließlich für das genommen haben, was es hat sein sollen – wundert mich.«

Die Kummerfelden kam in allerbeste Laune.

»Aber daß ich auf so etwas nicht gekommen bin, ich alte Gans!« rief sie ein Mal über das andre Mal, »daß ich mit den andern Weibsbildern Ach und Weh geschrieen habe! Ei, ei, ei, ei, das ärgert mich aber!«

Und jetzt that sich die Thür auf, und Kathrine brachte die blinkende Kaffeekanne auf dem strahlenden Präsentierteller und Kuchen und Tassen und das Zuckerdöschen.

Und mit einem Schlag war es wieder, wie es immer gewesen, urgemütlich, und auch die Erstarrung der armen niedergedrückten Rätin löste sich – und das erste Zeichen eines normalen Zustandes war das, daß ein ganz unglaublich betontes »Aber Gustävchen!« ihr über die Lippen kam. – Und darüber lachte die Kummerfelden wieder so herzlich, wie nur sie lachen konnte.

Und wie es die Kummerfelden gesagt, die Geschichte, auf welche Weise der Herr Rat seine Gäste aus dem heimlich gekauften Garten hatte vertreiben wollen, kam ganz gehörig in Weimar herum und wurde bei Hof erzählt und bei Excellenz Goethe und bei den Bürgersleuten, überall. – Die Weimaraner von damals verstanden einen Spaß zu würdigen, der Herr Rat stieg in aller Achtung, die kleinen Leute hatten überhaupt Vertrauen zu ihm und ließen sich nun bei jeder Gelegenheit von ihm beraten, brachten ihm ihr Erspartes und fragten ihn, was sie ihre Söhne werden lassen sollten.

Und wer in den Tagen, als die Geschichte, wie und weshalb der Herr Rat die Frauenzimmer geküßt hatte, herumgekommen war, seinen Spaziergang machte, der ging hinaus, um sich den Garten des Herrn Rat Tiburtsius wenigstens durch die Bretter genau anzusehen, und die guten Freunde und Bekannten, die strömten nur so ins Haus und in den Garten, um zu zeigen, daß sie in keiner Weise etwas gegen den Herrn Rat hätten, und in dem alten Garten, ganz wie es der Herr Rat an jenem Abend vorausgesehen hatte, fanden nun wirklich Feste über Feste ohne Ende statt – Versöhnungsfeste.

Und der Herr Rat dachte, daß man ein sehr gelehrter Mann sein und doch dem Leben gegenüber ein rechter Esel bleiben könne – und daß selbst dem gescheitesten Manne die Frauenzimmer immer über sind und über sein werden, denn es änderte sich trotz aller seiner Schlauheit gar nichts – nicht das Geringste im Leben des Herrn Rat Tiburtsius.